Magazin 05/2019

Das Relational Reframe als transdisziplinäre Denkfigur

Eine rekurrente Nachlese. Von Ortfried Schäffter

Am 15.07.2019 erscheint bei Velbrück Wissenschaft Malte Ebner von Eschenbachs bildungswissenschaftliche Studie »Relational Reframe. Einsatz einer relationalen Perspektive auf Migration in der Erwachsenenbildungsforschung«. Dem Buch ist eine ausführliche »Nachlese« von Ortfried Schäffter nachgestellt, die das Theoriekonzept des Relational Reframe ausführlich diskutiert und die wir hier dokumentieren.

Prolog

In der Nachlese der Untersuchung von Malte Ebner von Eschenbach wird die Methodologie des ›Relational Reframe‹ von Gegenstandsbereichen wissenschaftlicher Forschung als der theoriestrategische Kern der vorliegenden Studie genauer in den Blick genommen. Ungeachtet aller methodologischen Verschränkungen lässt er sich von dem inhaltlich-thematischen Vorhaben einer relationstheoretischen Rekonstruktion von ›Migration‹ zunächst einmal trennen. Ebner von Eschenbach verleiht dem gegenwärtigen relational turn in der kultur- und sozialwissenschaftlichen Forschung (vgl. Emirbayer 1997; Löwenstein & Emirbayer 2017) mit dieser epistemisch verallgemeinerungsfähigen »Denkfigur« (vgl. Dirmoser 2010; Petzer & Steiner 2016) Gestalt und setzt sie an einem ›paradigmatischen Musterfall‹ exemplarisch ein. Ziel der Nachlese ist es, pointiert sichtbar werden zu lassen, dass die hier vorgestellte relationslogische Denkfigur als eine »Figur des Wissens« (vgl. Trajekte 2008) weit über einen kategorial verantwortungsvollen Umgang mit ›Migration‹ hinaus prinzipiell von hoher forschungspolitischer Relevanz ist, was sich an ihrer Transdisziplinarität und auch an ihrer Transdifferenz und Tensegrität weiterführend verdeutlichen lässt. Dies macht die Methodologie auch für eine Leser_innenschaft außerhalb des Kreises empirischer Forschung in den Erziehungs- und Bildungswissenschaften interessant. Damit soll das mögliche Feld einer Lektüre abgesteckt werden. Ihr paradigmatischer Kern besteht nämlich unter anderem aus einem Rückbezug auf Gaston Bachelard, Louis Althusser und Hans-Jörg Rheinberger in einem konsequent relationstheoretischen Zugang zu wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion, bei dem eine objektivierende Ausdeutung der Subjektposition mit dem immersiven Erleben (vgl. Wiesing 2009) aus einer reflektierten Subjektperspektive ins Verhältnis gesetzt werden kann.

In Hinblick auf ihre forschungspolitischen Konsequenzen wird dies für die Lektüre der Untersuchung schrittweise im Sinne eines kommentierenden Deutungsangebots entwickelt. Sie will dabei keine Lektüre unter einem anderen Erkenntnisinteresse ausschließen, sondern allein über eine auf Bildungswissenschaften begrenzte Migrationsforschung hinausweisen. Die Kommentierung der Studie Ebner von Eschenbachs unternimmt den Versuch, die Untersuchung in den Zusammenhang einer übergreifenden Theorieentwicklung zu stellen, deren Bestandteil sie ist, sodass ihr Stellenwert in einer Weise einschätzbar wird, wie er möglicherweise auf den ersten Blick nicht ins Auge fällt. Dies verlangt einerseits eine leicht verfremdende Sicht in der Darstellung und zum anderen, dass in gewisser Weise über den in der Arbeit erreichten Stand der Theorieentwicklung bereits hier hinausgedacht werden darf. Nur so wird der Blick frei auf neue ›Hinsichten‹[1], für die nun grundlagentheoretisch der Boden bereitet wurde.

Unabhängig vom Anwendungsfall erwachsenenbildungswissenschaftlicher Migrationsforschung wird zunächst mit dem Übergang von der Zuschreibung substanzieller Eigenschaften hin zu einer relationalen Hinsicht begonnen (1), daran anschließend der Verlauf eines Relational Reframe eines disziplinären Grundbegriffs in seiner formalisierten Schrittfolge skizziert (2), um dann das Einschwingen in die Gegenstandskonstitution als eine epistemische Figur des Wissens zu verstehen (3). Im Ergebnis läuft es darauf hinaus, den relationslogisch konstituierten Forschungsgegenstand als transdisziplinäre Denkfigur eines ›Chiasmus‹ – und das meint metaphorisch als einen ›gegenseitigen Händedruck‹ – zu deuten (4). Begrifflich wird seine dialektische Relationsqualität an der Vorsilbe: ›trans‹ im formallogischen Unterschied zu ›inter‹ erkennbar (5). In seinen Konsequenzen lässt es sich an den Schlüsselbegriffen Transdisziplinarität, Transformation und Transdifferenz verdeutlichen. In zukünftigen Phasen der Theoriegenerierung werden sie ausgehend von dem hier erreichten Stand relationslogischen Denkens sich voraussichtlich sogar mit der relationalen Rekonzeptualisierung einer »Tensegrity Structure« (vgl. Fuller 1965) in Bezug setzen lassen (6).

 

Weiter im PDF