Magazin 05/2021

Der Raum wird flüssig.

Strukturierte Analysepraktiken für virtuelle Kontexte

Gerhard Martin Burs

 

Im Zeitalter der Digitalisierung lösen sich klare Definitionen und Zuordnungsmechanismen zunehmend auf. Nicht nur das individuelle Erleben, sondern auch der strukturierte Zugang zu den Erscheinungen unserer Welt ist vom Verschwinden klarer Instanzen betroffen, die sich in einem medialen Rauschen auflösen und damit stetig ändernde Sinnzugänge zum Sein erzeugen.

Vor allem am Beispiel des Konstrukts, das sich als Film bezeichnen lässt, wird dies deutlich. Über weite Strecken seiner Geschichte war er ein gerahmtes Etwas; ein Bild mit einem festen Anfang und Ende, dessen Konsum im Rahmen des Kinos oder des Fernsehbildschirmes gleichzeitig mit einer klaren Rezeptionsperspektive verknüpft war. Auch die klassische wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Film nimmt diesen Ansatz auf. Er kann behandelt werden wie ein Objekt, wie ein klar abgegrenzter Gegenstand auf einem Labortisch, dessen innere Relationen beschrieben, gewichtet, bewertet und in einer Beziehung, zu dem, was ihn umgibt, gesetzt werden können. Welche Bezüge finden sich in ihm, welche Einflüsse werden interpretiert und wie verhält sich das „große Ganze“ zum Abstraktum der filmischen Realität, die uns wie eine gerahmte Wirklichkeit erscheint? Die gegenwärtige Praxis des Medienkonsums und damit auch der Medienproduktion läuft diesem Ansatz allerdings zuwider. Durch den Fortschritt der Simulationstechnik verwischen Dokumentation und idealisierte Bilder, in denen Imaginationen und Wunschzustände wie eine vermeintliche Realität anmuten. Eingebunden in größere Kontexte jenseits der konkreten Produktionsform überschneiden sich dabei Themen und Inhalte. Verbreitet in den sozialen Kanälen umströmen uns diese bewegten Bilder, werden zu einem beiläufig konsumierten Hintergrundrauschen, dessen Inhalte kaum noch eine bewusste Rezeption und damit ein bewusstes In-Beziehung-Setzen ermöglichen. Sei es in den kurzen Schnipseln im Smartphone oder auch in den Werbewelten und immersiven Räumen des Blockbusterkinos, in denen sich die Inhalte über den einzelnen Film hinaus überlappen und remixen: Der Film hat den Rahmen verlassen. Er ist kein Objekt mehr, sondern Teil unseres (un-)bewussten Lebensumfeldes. Mehr noch, er beeinflusst den realen und gelebten Raum. Als Manifestation einer Medienrealität werden seine Inhalte zum Vorbild für Städte, Moden und Selbstbilder. In einer stetigen Transformation schaffen die digitalen Praktiken zeitgenössischer Medienproduktion eine neue Kategorie: einen virtuellen Kontext, in dem filmische Bezüge und reale Erfahrung verschmelzen.

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Aus: Gerhard Martin Burs
Kontext

  • 29,90 € *

ISBN 9783958321694