Naturrecht und Sozialistische Gesetzlichkeit

Begründungsstrategien und Reflexionstheorien im Recht der Nachkriegszeit (1945–1958)

  • 1. Auflage 2023
  • ca. 220 Seiten
  • 22,2 cm x 14,0 cm
  • Sprache des Textes: Deutsch
  • erscheint März 2023
  • Hardcover
  • ISBN 978-3-95832-337-7
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Beschreibung


Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrt das Naturrecht in den rechtswissenschaftlichen Diskurs zurück. Für die zwanzig folgenden Jahre wird es gängige Praxis, weltliches Recht mit Hilfe übergesetzlicher Argumente zu transzendieren. Dieser Vorgang gehört unter dem Stichwort Naturrechtsrenaissance zum kanonischen Wissen der westdeutschen Rechtsgeschichte. Allerdings fehlt es zum einen an einer fundierten Auseinandersetzung mit der Rechtsprechung der vierziger und fünfziger Jahre; zum anderen haben Rechtstheorie und Rechtspraxis der SBZ/DDR noch immer nicht die ihnen gebührende Aufmerksamkeit erfahren. Letzteres ist umso erstaunlicher, als der Rechtswissenschaftler Gustav Radbruch (1878–1949) die Belege für eine vermeintliche Wiederkehr des Naturrechts ausgerechnet in der Rechtsprechung ostdeutscher Gerichte fand. Bereits die Ausmaße dieses ersten Aufflackerns sind nahezu unbekannt; auch über das Weiterleben eines antifaschistischen oder gar sozialistischen Naturrechts ist im Grunde nichts bekannt. Aber auch die Rede von einer westdeutschen Naturrechtsrenaissance ist nur wenig plausibel. Schließlich waren mit der operativen Schließung des Rechts im 19. Jahrhundert längst die semantischen und gesellschaftsstrukturellen Voraussetzungen entfallen, um ernsthaft von einer Wiedergeburt oder gar Wiederkehr des Naturrechts zu sprechen.

Ausgehend von diesen beiden Beobachtungen zeichnet Maximilian Wagner die Anfänge der Rechtsprechung und der Rechtsphilosophie im besetzten Deutschland nach. Anhand ausgewählter Judikatur und rechtswissenschaftlicher Veröffentlichungen dekonstruiert er die vermeintliche Wiedergeburt des Naturrechts in Westdeutschland und rekonstruiert ihr ostdeutsches Pendant. Während der strategische Rückgriff auf transzendentale Argumente im Westen Deutschlands zu einer sukzessiven Unterwerfung hoheitlichen Handelns unter die Souveränität des Rechts führte, setzte der Einbau der Sozialistischen Gesetzlichkeit in die ostdeutsche Dogmatik einen Entdifferenzierungsprozess in Gang, den man ironisch überspitzt auch als Absterben des Rechts bezeichnen könnte.

Maximilian Wagner


Maximilian Wagner
© Robert Recker

Maximilian Wagner ist Rechtsanwalt in Berlin. Er studierte Rechtswissenschaft in Mainz, Berlin und Istanbul und wurde 2021 an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert.