aktuelle Rezensionen
Hans-Peter Waldhoff
Eros und Thanatos als Triebkräfte des Denkens
Zum Abschluss blätterte ich noch einmal Waldhoffs Buch von vorn nach hinten durch – und musste feststellen, wie viele seiner Stichworte, Aspekte und Schlussfolgerungen ich hier gar nicht angesprochen habe. Ich bin mir sicher, ich werde noch des Öfteren dieses Buch irgendwo aufblättern, und lesen, worauf mein Finger zeigt. Es wird sich lohnen. Es hat sich schon gelohnt.Heinrich Reiß, Jahrbuch für psychohistorische Forschung, Bd. 18, 2017.
Andrea Kretschmann
Regulierung des Irregulären
Von generellem Interesse für die Rechtssoziologie ist vor allem, dass die Autorin mit der Bourdieu’schen Praxistheorie einen Ansatz für die Rechtssoziologie weiter entwickelt, der schon seit längerem als vielversprechend gilt. Und sie zeigt, was die Bourdieu'sche Theorie für die Analyse juristischen Alltagshandelns bzw. Rechtsperfor- mativität im Alltag [...] auf anderen Feldern als dem im engeren Sinn juridischen Feld bedeuten kann. [...] weil sie überzeugende Antworten auf viele dringende Fragen der empirischen Rechtsforschung anbietet, ist das Werk für alle wichtig, die sich für Rechtssoziologie interessieren. Es geht um viel mehr als um Carework. Und die Arbeit ist ausgezeichnet geschrieben: Es erwartet Sie in jeder Hinsicht ein intellektuelles Vergnügen.Eva Kocher, Kritische Justiz, Jahrgang 51 (2018) Heft 1.
Werner Vogd
Selbst- und Weltverhältnisse
Mit der von Wittgenstein aufgeworfenen Frage: »Wie können wir gut mit unserer eigenen Blindheit umgehen?« […] informiert und diskutiert der Soziologe von der Universität Witten/Herdecke, Werner Vogd, über Aspekte und Ergebnisse von Arbeiten aus der »Forschungswerkstatt« der Hochschule. […]Im Schlussbeitrag führt der Autor die diskutierten, analysierten und problematisierten Aspekte zu den Selbst- und Weltverhältnissen zusammen. Die Erkenntnis, dass Lebensvollzüge und Wertbezüge eine Einheit bilden, sich epistemologische und ontologische Grundlagen miteinander verschränken und sich selbst in Differenz zum Selbst und zur Umwelt stellen, »epistemische Unbestimmtheit(en)« hervorbringen und Entfremdung verursachen, sollte im interdisziplinären, wissenschaftlichen Diskurs um Gewalt berücksichtigt werden.Jos Schnurer, socialnet.de, 28.03.2018.
Marie-Luisa Frick
Menschenrechte und Menschenwerte
Frick [schlägt] eine semantisch gehaltvolle Essenz der Menschenrechtsidee vor, überführt sie mit dem Prüfstein konzeptioneller Belastbarkeit in eine Systematik, mit deren Hilfe Exklusionen als Verstöße identifiziert werden können. Anschließend werden religiöse […] und säkulare Vorstellungen auf einem anspruchsvollen Spaziergang hinsichtlich ihrer Kompatibilität überprüft. Ergänzt durch die Frage nach einer politischen Durchsetzung lassen sich damit diverse Akkommodationen der Menschenrechte normativ vergleichen und bewerten, ohne dass hier am Ende die umfassend beste Variante als Heilsversprechen ex machina präsentiert wird.Elmar Nass, Zeitschrift für Politik, Bd. 1 2018.
Matthias Leanza
Die Zeit der Prävention
[Die] historisch-genealogische Darstellung der Prävention ist die große Stärke des Buches. Wie der Zeitform der Prävention gelingt es auch der Genealogie, die „Metaphysik der Präsenz“ in Frage zu stellen. Hier allerdings gleichsam aus der umgekehrten Richtung: nicht die Zukunft, sondern auch die Vergangenheit als Geschichte dieser Zukünftigkeit prägt unsere Gegenwart. Das etabliert eine reflexive Distanz, die es nicht nur erlaubt – wie Leanza bemerkt –, in kritischer Perspektive die Selbstverständlichkeit von Präventionspraktiken in Frage zu stellen. [...] Es ist eben nicht das x-ste Buch zu präventivem self-tracking und wird, gerade weil es sich von der Unmittelbarkeit der Gegenwart ein Stück weit distanziert, gewiss eine weitaus längere Halbwertszeit haben.Andreas Folkers, theorieblog.de, 28.03.2019.
Gunter Gebauer, Manfred Holodynski, Stefan Koelsch, Christian von Scheve
Von der Emotion zur Sprache
Eine der zentralen philosophischen Fragen der Gegenwart ist, wie Kommunikation über Gefühle und damit Verständigung über entscheidende Aspekte des menschlichen Lebens entstehen kann. [...] Der Band »Von der Emotion zur Sprache« zeichnet sich neben der akribischen Bearbeitung dieses weiten Problemfeldes durch echte interdisziplinäre Forschung aus: Die vier Autoren - Gunter Gebauer, Philosoph und Wittgenstein-Experte, Manfred Holodynski, Entwicklungspsychologe, Stefan Koelsch, Experte für biologische Psychologie und Musikpsychologie, sowie Christian von Scheve, Soziologe - finden eine gemeinsame Antwort, die dennoch aus der Perspektive einzelner Fachdisziplinen entstanden ist. Dies ist eine der erstaunlichen Leistungen dieses Buches.Gert Scobel, Philosophie Magazin, Nr. 05/2018.
Sven Ellmers, Philip Hogh
Warum Kritik? Begründungsformen kritischer Theorien
Die große Stärke dieses Bandes ist, dass Theorien angesprochen werden, die nicht zum Mainstream der kritischen Theorie gehören, etwa Beiträgen über den Perfektionismus oder die Philosophie Rainer Forsts. Greift man den Faden auf, dass sich kritische Theorie vor allem als Krisenwissenschaft versteht, wird dieser Band dem Anspruch teilweise gerecht: An vielen Stellen steht die Exegese im Vordergrund, aber es gelingt den Autor*innen, mit lebensnahen Beispielen die z.T. sehr komplexen Theorien zu illustrieren, etwa der Artikel über den Perfektionismus oder über Resonanz. Der Fairness halber sei angemerkt, dass es auch nicht der Anspruch dieses Buches war, eine Antwort auf aktuelle Herausforderungen oder einen weiteren Ausflug zur Zeitdiagnose zu geben.Martin Gloger, socialnet.de, 11.10.2018.
Gesa Lindemann
Weltzugänge
Lindemanns Analysen der Plessnerschen philosophischen Anthropologie gehören zweifellos zu den kenntnisreichsten Ausführungen, die derzeit zu bekommen sind. Der systematische Anspruch, den die Autorin mit diesen Ausführungen verbindet, schlägt überdies ein ums andere Mal höchst aufschlussreiche Funken, die Licht auf viele aktuelle theoretische Fragen der Soziologie werfen. Es kann nicht unterschlagen werden, dass Lindemanns Konzeption des ›primordialen‹ Modus der sozial-zeitlich und räumlich expandierten Weltoffenheit z. B. die leicht stagnierende Debatte innerhalb der Praxeologie (bezogen auf die Frage nach der intentionalen Infrastruktur von Praktiken) um Längen an Differenziertheit schlägt. Hier sind viele Einsichten zu gewinnen, die von der Fachdiskussion verarbeitet werden müssen. Denn hier entfalten die Überlegungen von Lindemann – als systematische Explikation immer noch aktueller Implikationen der Plessnerschen Anthropologie – tatsächlich einen weiterführenden Zugang zu der Frage, wie eigentlich die Spannung zwischen situationstranszendenter Ordnung und praktischem Situationsvollzug bearbeitet werden müsste.Joachim Renn, Soziologische Revue, 41(3).
Sarhan Dhouib
Formen des Sprechens, Modi des Schweigens
Der Band wirbt nicht nur für ein transkulturelles Verständnis arabischer Lebensumstände, er reißt den Leser auch aus der Selbstgefälligkeit eines politischen Selbstverständnisses, das sich im Rahmen einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung über solche Machtfragen erhaben wähnt.Burkhard Liebsch, Süddeutsche Zeitung, 27.11.2018.
Cornelius F. Moriz
Markt und Teilhabe
Moriz’ Studie hält, was sie verspricht: Die Diskrepanz zwischen Sein und Sollen in der kapitalistischen Moderne wird gekonnt aufgezeigt und geht über eine nüchterne Analyse hinaus. Im Kontext der jüngsten Diskussionen über die Relevanz eines bedingungslosen Grundeinkommens (vgl. z.B. das Streitgespräch zwischen Christoph Butterwegge und Richard David Precht) nimmt Moriz’ Beitrag eine geradezu erleuchtende Position ein. Es bleibt zu hoffen, dass er dementsprechend wahrgenommen wird.Michael Anger, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (Jg. 70/2018, H. 4.
Matthias Häussler
Der Genozid an den Herero
Meine Forschungen führten mich nicht nur in Archive in Deutschland oder Namibia, sondern auch in Botswana, Südafrika oder England. Die großzügige Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft ermöglichte es mir, eigene Wege einzuschlagen. Zudem hatte ich das Glück, dass mir der Familienverband von Trotha als erstem Forscher Einsicht in das handschriftliche „Kriegstagebuch“ Lothar von Trothas gewährte.Matthias Häussler im Interview bei L.I.S.A. - Das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung
Franziska Martinsen
Wissen – Macht – Meinung
Wie jeder technologische Innovationsschub kann auch Digitalisierung segensreich sein und Erleichterungen im Alltag verschaffen; bei ihrer Nutzung im Hinblick auf die erst einmal unabwendbare ‚Industrielle Revolution 4.0‘ muss man allerdings schon genauer hinschauen und auf den Zweck gucken. Davon wird Demokratie – wie sie ist und wie sie sein bzw. sich weiterentwickeln sollte – beeinflusst. Das Buch dokumentiert dazu nicht nur Positionen, sondern regt zu Diskussionen an, innerhalb derer Meinungen mit Wissen gesättigt werden können und ggf. die Frage aufkommt, welche ‚Macht‘ nach welcher ‚Vernunft‘ die Nutzung digitaler Möglichkeiten in Szene setzt.Arnold Schmieder, socialnet.de, 26.02.2019.
Michael N. Ebertz, Ramona M. Kordesch, Josef Wieland
Die Arbeit der Zivilgesellschaft
Die bei der Zukunftskonferenz diskutierten Prämissen zur »Arbeit der Zivilgesellschaft« greift mit den politischen, ökonomischen, ethischen, ästhetischen und weltanschaulichen Aspekten weit in die gesellschaftlichen Sphären eines zivilgesellschaftlichen Denkens und Tuns aus. Die lokale und globale »Wiederentdeckung der Qualität von Sozialräumen« und Existenzen macht es notwendig, auf den unterschiedlichen Feldern eines demokratischen und freiheitlichen Grundverständnisses von Gesellschaft einen Perspektivenwechsel zu vollziehen. Die österreichische Stiftung »Societas Futura. Gesellschaft Gestalten« nimmt die Sammlung und den Nachlass von Maximilian und Henriette Florian zum Anlass, nach Formen und Initiativen einer neuen Arbeitsteilung von Staat, Markt und Gesellschaft zu suchen!Jos Schnurer, socialnet.de, 12.03.2019.
Helmut König
Elemente des Antisemitismus
Die Lektüre von Königs Studie empfiehlt sich für alle weiteren Beschäftigungen mit der Antisemitismustheorie Horkheimers und Adornos. Das Buch stellt zweifellos einen Grundlagentext für die »Elemente des Antisemitismus« dar.Hans-Joachim Hahn, Literaturkritk, Nr.1, Januar 2018.
Marian Adolf, Nico Stehr
Ist Wissen Macht?
Im Kapitel ›Demokratie und Wissen‹ weisen die Autoren auf die vielen Gefahren für die Demokratie hin, um dann klar gegen Technokraten, welche angesichts der Langsamkeit und Komplexität partizipativer Entscheidungsprozesse mit autoritären Top-down-Prinzipien der Entscheidungsfindung liebäugeln, zu votieren. Anstatt mit der Kahlschlagbehauptung ›aussergewöhnlicher Umstände‹ die Effizienz eines diktatorialen Stils zu postulieren und Demokratieverdrossenheit voranzutreiben, fordern die Autoren eine Erweiterung der Demokratie und weisen darauf hin, dass undemokratische Regimes kaum je nachhaltige Entscheidungen gefällt haben–wie das Beispiel des Klimawandels und der Klimapolitik eindrücklich demonstriert.Jakob Tanner, Sociologia Internationalis, Bd. 55, 1 2018.
Joachim Fischer
Exzentrische Positionalität
Fischers Plessner-Studien seien […] all jenen empfohlen, die sich eingehender mit der Theorierichtung der Philosophischen Anthropologie, dem Werk Helmuth Plessners und mit der Anwendung seines theoretischen Begriffsapparates auf architektur-, kunst-, literatur- sowie generell kultursoziologische Gegenwartsphänomene und Fragestellungen vertraut machen möchten.Daniel Grummt, Österreichische Zeitschrift für Soziologie, (2018) 43.
Enno Rudolph
Wege der Macht
In einer präzise zuspitzenden und raffenden Prosa wird er [der Leser] mit dichten Deutungen Platons, Thukydides', Hobbbes' Machiavellis, Shakespeares, Kants, Rousseaus, Rawls', Benjamins, Blumenbergs, Heideggers, Cassirers, Nietzsches, Habermas' und Rortys konfrontiert. Deutungen, die meist Umdeutungen darstellen und den Leser nicht – wie es der Mainstream zu tun pflegt – mit dem überraschen, was er bereits kennt. Das Buch bildet zudem das Gegenteil des in der Philosophie gern gepflegten Stils der Umständlichkeit. Es bietet unumständlichen Stil.Bernhard H. F. Taureck, Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Nr. 114 Juni 2018.
Christian Bachhiesl, Sonja Maria Bachhiesl, Stefan Köchel
Intuition und Wissenschaft
Doch hat der Geistesblitz im hektischen und von bürokratischen Pflichten geprägten Wissenschaftsbetrieb der Gegenwart überhaupt noch eine Chance einzuschlagen? Ja, sagt Bachhiesl, denn ›den Geistesblitz kümmert das nicht, als Blitz fährt er ein, wenn er will, Administration hin und Organisation her‹. Dann muss man sich die Zeit nehmen, Intuition in wissenschaftlich brauchbare Ergebnisse zumzumünzen. Und vielleicht sollte man sich nach Phasen höchster Konzentration öfter mal eine Pause gönnen und auf das Bauchgefühl achten. Oder wie Kelkulé es ausdrückte: ›Lernen wir träumen, meine Herren, dann finden wir vielleicht die Wahrheit‹.Alexandra Bleyer, Salzburger Nachrichten, 01.09.2018.
Christian Bachhiesl, Sonja Maria Bachhiesl, Stefan Köchel
Intuition und Wissenschaft
Es ist alles in allem kein überall nur kurzweiliges und multiperspektivisches, sondern ein sehr tiefgründiges, wissenschaftliches, die Intuition nach allen Regeln der Künste und Forschungsfelder durchbuchstabierendes Sammelwerk Grazer interdisziplinärer Näherungen vorgelegt worden.Albrecht Götz von Olenhusen, Zier-Köbler, Bd. 8/2018.