Moralität und Sittlichkeit – Ulrich Anackers Titel schlägt ein Motiv an, das seit Hegel regelmäßig Aktualisierungen erfahren hat, zuletzt in Habermas’ Frankfurter Abschiedsvorlesung. Der Hinweis auf Nietzsche signalisiert dabei den ungewohnteren Aspekt: Zur Aktualisierung des Deutschen Idealismus tritt, ähnlich wie bei Adorno, das Interesse an der Moralkritik der psychologischen Aufklärung im 19. Jahrhundert. Das Buch dokumentiert drei miteinander verknüpfte Veranstaltungen zur praktischen Philosophie von Kant, Hegel und Nietzsche, die die Herausgeber aus dem Nachlass publizieren.
Zu entdecken ist also ein apokrypher Zweig der Kritischen Theorie. Ulrich Anacker ist in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts bekannt geworden, hat sich dann in Relektüren insbesondere von Hegels Phänomenologie des Geistes vertieft und mit Publikationen zurückgehalten. Daneben entfaltete er eine intensive Lehrtätigkeit, die seinen Ruf in der scientific community seiner Generation wachgehalten hat. Aus diesem Zusammenhang stammt das vorliegende Buch, in dem sich auch Bezüge finden zum Erlanger Konstruktivismus, dem amerikanischen Pragmatismus und der Soziologie Niklas Luhmanns.
Anackers humanistische Skepsis, seine systematische Klarheit und große sprachliche Eleganz geben dabei, anlässlich der hier verhandelten Fragen zur Moral, auch einem breiteren Publikum Mittel gegen die fortschreitende Modernevergessenheit unserer Gegenwart an die Hand.