Der Kapitalismus hat eine ihm eigene und für ihn unverzichtbare Zeitauffassung ausgebildet. Wenngleich diese bis dato ungekannte Freiheiten mit sich brachte, so werden die unter das Kapitalverhältnis gezwungenen Subjekt durch sie auch auf spezifische Weise beherrscht. Wie der Kapitalismus Freiheit ermöglicht und Herrschaft ausübt, nämlich via seiner Zeitnormen, und wie aus dieser Erkenntnis ein kritischer Funke geschlagen werden kann, darum geht es in vorliegendem Buch.
Die Zeit des Kapitalismus dient dazu, Produktivität pro Zeiteinheit erfassen und steigern zu können, sie muss daher als leer und messbar angesehen werden. Zeit an sich kann aber nur in den Beziehungen und Verhältnissen zur Welt erfahren werden, sie ist in gelebten Beziehungen, Prozessen und Dingen wie Kohle, Baumwachstum und Eisschilden enthalten.
Sowohl die Zeit des Kapitalismus als auch die Zeit an sich machen dabei zugleich frei und unfrei, aber auf verschiedene Weise. Der Verkauf der Arbeitszeit löst die Unfreiheit des Feudalismus ab und ermöglicht über Geld Freiheiten der Lebensgestaltung. Unfrei macht die Zeit des Kapitalismus, indem sie als Norm ethische Orientierungen dominiert. Über die Aufschlüsselung dieser Herrschaftsweise liefert das Buch zudem einen Beitrag zur Debatte um das Wesen von Normativität und zur Funktionsweise von Normen. Die Zeit an sich wiederum ist auch die der Handlungen, verstanden als Aspekt menschlicher Freiheit. Zugleich begrenzt sie Freiheit schicksalhaft durch ihre Endlichkeit. Zudem kann man ihrer Gerichtetheit nicht entkommen: Was als gute Absicht am Anfang steht, lässt sich in seinem Ergebnis nicht vollends bestimmen.
Gesche Keding leuchtet diese vielschichtigen Verbindungen und Konflikte mit dem Ziel aus, den Kapitalismus in Form seiner Zeitnorm zu kritisieren, und erarbeitet so eine neue Perspektive auf den Entfremdungsbegriff. Sie argumentiert für eine Gegenwart der Tragik: Denn der Kapitalismus muss zwar kritisiert werden, aber daneben muss ihm auch die Überzeugungskraft entzogen werden. Diese besitzt er, weil er mit dem Schein unendlicher Möglichkeiten über die Tragik von Gerichtetheit der Zeit sowie Endlichkeit der Zeit und Dinge hinwegtäuscht. Stattdessen müssen, wie das Buch in einer neuen Lesart der Tragödie König Ödipus zeigt, die schicksalhaften Eigenschaften der Zeit akzeptiert werden. neue Lesart der Tragödie König Ödipus.