Die Vermessung der Seele

Konzepte des Selbst in Philosophie und Psychoanalyse

  • herausgegeben von Emil Angehrn , Joachim Küchenhoff
  • Erscheinungsdatum: 30.06.2009
  • Paperback
  • 300 Seiten
  • 22 x 14 cm
  • ISBN 9783938808665
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Beschreibung


Die Rede von der Krise oder dem Verlust des Subjekts
ist am Ende des 20. Jahrhunderts zum verbreiteten Topos
geworden. Die Wissenschaft vom Menschen kennt keine
Seele und kein substantielles Selbst. Doch datiert die
Problematisierung des Subjekts nicht erst von heute. Sie
ist in der Moderne in unterschiedlichen Kontexten und
verschiedenen Phasen artikuliert worden. Drei Aspekte
der Problematisierung seien benannt.
Ein erster betrifft die Infragestellung der Seele als Substanz.
Nicht wie die Seele beschaffen sei, sondern ob es
so etwas wie die Seele überhaupt gibt, ist hier die Frage.
Ihre prominenteste Behandlung findet sich in Kants
Kritik der Paralogismen der rationalen Psychologie. Zurückgewiesen
wird die Unterstellung der Substantialität
des Selbst, von welcher die Annahmen über die Einheit,
Personalität und Unsterblichkeit der Seele logisch abhängen.
Es geht um die Auseinandersetzung mit einer
Tradition, die bis auf die Seelenlehre in Platons Phaidon
zurückreicht und in Descartes’ Meditationen eine maßgebliche
Formulierung erhalten hat, die nicht zuletzt
für viele Anschlussdebatten – über das Verhältnis von
Körper und Geist, über die Eigenschaften und Vermögen
der Seele – grundlegend gewesen ist. Nicht infrage
gestellt wird darin der unhintergehbare Subjektbezug im
Verstehen und Sprechen, den Kant als das ›Ich denke‹, das
alle Vorstellungen begleitet, umschreibt und den Husserl
in Anknüpfung an Descartes als apodiktische Gewissheit
statuiert. Doch ist diese Unbezweifelbarkeit formell und
ohne inhaltliche Bestimmung; es handelt sich, wie Kant
sagt, um ein Selbstbewusstsein ohne Selbsterkenntnis.
Was das Ich, die Seele, das Selbst ist und in welchem Sinn
es ist, bleibt die Frage.
Eine zweite Problematisierung betrifft die inhaltlichen
Bilder des autarken, rationalen, ›starken‹ Subjekts.
Die Ansätze dieser Problematisierung reichen von der
historischen und sozialen Relativierung individueller
Autonomie über die psychoanalytische Infragestellung
des Bewusstseins bis zur kulturwissenschaftlichen, medientheoretischen
oder dekonstruktivistischen Zersplitterung
oder Auflösung des Selbst. Gegenüber der durch
Kant exemplifizierten Richtung ist diese Problematisierung
gleichsam gegenläufig angelegt. Sie geht nicht vom
substantiellen Kern des Selbstverhältnisses aus, sondern
hinterfragt dessen postulierte Strukturmerkmale und
Zielvorstellungen: die Geschlossenheit, Einheitlichkeit,
Transparenz und Ursprünglichkeit des Selbst. Gegen sie
hebt moderne Subjektkritik auf die Fragilität, Diskontinuität,
Segmentierung des Selbstbezugs ab. Die Kritik ist
nicht weniger radikal als die an der Nicht-Substantialität
des Ich, auch wenn sie nicht von vornherein als ›totale‹
Kritik, sondern nur als Zurückdrängung, Partialisierung,
Abschwächung des Subjekts auftritt.
Solche Kritiken setzen gleichsam von innen, an der Konsistenz
und Fundamentalität des subjektiven Selbstverhältnisses
an. Eine dazu komplementäre, dritte Sichtweise
kommt mit der Naturalisierung des Selbst zum Tragen.
Hier geht es um eine Beschreibung des subjektiven Erlebens
und Tuns aus der Außenperspektive der wissenschaftlich-
objektivierenden Beobachtung. Die Frage ist,
wieweit in dieser Perspektive überhaupt das Spezifische
des Selbstseins thematisiert und diskutiert werden kann.
Die aktuelle und elaborierteste Version dieser Debatte
stellt die Herausforderung durch die Neurowissenschaften
dar. Die faszinierenden Fortschritte unserer Kenntnis
von der Funktionsweise des Gehirns haben klassische
Fragen des Zusammenspiels von Bewusstsein und Materie,
wie sie seit der antiken Atomistik Thema waren, in
neuer Schärfe aufgeworfen. Als Gegenwendung zur klassischen
Bewusstseinsphilosophie steht die neurologische
Beschreibung zunächst für eine externe Sichtweise, die
etwa die Lokalisierung bestimmter Bewusstseinsprozesse
oder funktionale Abhängigkeiten zwischen neurologischen
Befunden und mentalen Zuständen untersucht.
Die Frage ist, wieweit sich im Medium der Gehirnforschung
neue Beschreibungsebenen gewinnen lassen, die
das ›Rätsel‹ des Bewussteins und des subjektiven Selbstseins
in originärer Weise durchdringen und verstehend
erschließen lassen.
Diese komplexe Konstellation bildet den Hintergrund,
vor dem sich eine heutige Diskussion mit Konzepten,
Grundlagen und Grenzen des menschlichen Selbst
befasst. Die drei Linien der Kritik – im Kontext der
Substanzontologie, als Problematisierung des transparenten,
autonomen Subjekts und im Horizont einer
naturalistischen Reduktion – interessieren in dieser
Debatte nicht vorrangig als Außerkraftsetzung der Subjektidee
als solcher. Sie stehen für Auseinandersetzungen
mit bestimmten, inhaltlichen Vorstellungen, in denen die
Selbstkoinzidenz im Bewusstsein und Handeln in Frage
steht – als Frage nicht nur, wieweit das Subjekt sich in
Erkenntnis, Ausdruck und Handeln letztlich einzuholen,
mit sich zur Deckung zu gelangen vermag, sondern auch,
wieweit eine solche Identität als Ideal ein gültiges Maß
und eine sinnvolle Orientierung für menschliches Selbstsein
darstellt.

Emil Angehrn


Emil Angehrn

Emil Angehrn war von 1991–2013 Professor für Philosophie an der Universität Basel. Bei Velbrück Wissenschaft hat er veröffentlicht: Der Weg zur Metaphysik. Vorsokratik, Platon, Aristoteles (2000); Interpretation und Dekonstruktion. Untersuchungen zur Hermeneutik (2003). Gemeinsam haben Emil Angehrn und Joachim Küchenhoff bei Velbrück Wissenschaft herausgegeben: Die Vermessung der Seele. Konzepte des Selbst in Philosophie und sychoanalyse (2009); Macht und Ohnmacht der Sprache. Philosophische und psychoanalytische Perspektiven (2012); Die Arbeit des Negativen. Negativität als philosophisch-psychoanalytisches Problem (2014); Das unerledigte Vergangene. Konstellationen der Erinnerung (2015); Selbsttäuschung. Eine Herausforderung für Philosophie und Psychoanalyse (2017).

Joachim Küchenhoff


Joachim Küchenhoff

Joachim Küchenhoff ist Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Basel, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Internationalen Psychoanalytischen Universität Berlin sowie ärztlicher Direktor der Psychiatrie Basel-Land. Er arbeitet als Psychoanalytiker und ist Facharzt für Psychiatrie sowie für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Bei Velbrück Wissenschaft hat er veröffentlicht Die Achtung vor dem Anderen. Psychoanalyse und Kulturwissenschaften im Dialog (2005); Der Sinn im Nein und die Gabe des Gesprächs. Psychoanalytisches Verstehen zwischen Philosophie und Klinik (2013).