Homo mundanus

Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne

  • 1. 1., Aufl.
  • Erscheinungsjahr: 2012
  • Erscheinungsdatum: 01.04.2012
  • Hardcover
  • 1004 Seiten
  • 22.2 x 14 cm
  • ISBN 9783942393416
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Beschreibung


Die evolutionäre Betrachtung zeigt, dass der Mensch von seinen elementarsten bis zu seinen höchsten Fähigkeiten kein Weltfremdling, sondern ein Weltwesen ist. Der Mensch steht nicht, wie in der Moderne angenommen, als einzigartiges Wesen dem Rest der Welt gegenüber, sondern ist ein von Grund auf welthaftes Wesen. Nicht homo humanus, sondern homo mundanus ist die zutreffende Bestimmung des Menschen.
Wenn die Moderne glaubte, alles sei vom Menschen aus und auf diesen hin zu verstehen, so beruhte dies auf der Annahme, dass der Mensch eigentlich ein Weltfremdling sei. Ein solcher soll er sein, weil er durch eine weltüberlegene und ihn von allen anderen Lebewesen unterscheidende Natur ausgezeichnet ist. Diese Sondernatur des Menschen wurde traditionell darin gesehen, dass der Mensch das einzige mit Rationalität begabte Wesen sei. Das kam in der Definition des Menschen als animal rationale zum Ausdruck. Eine Seele mögen die anderen Lebewesen auch besitzen; sogar die Pflanzen haben vielleicht eine solche, und die Tiere verfügen zudem über Empfindung und Wahrnehmung und wohl auch über Gedächtnis und Phantasie. Aber Rationalität soll ausschließlich dem Menschen zukommen, soll dessen Monopol und Privileg sein.

Dies ist allerdings, wie neuere wissenschaftliche Befunde gezeigt haben, unhaltbar.
Viele Tiere verfügen bereits über erstaunliche rationale Fähigkeiten. Unsere Rationalität ist demgegenüber zwar weiter fortgeschritten, aber sie hat sich eben aus prähumanen Vorgaben und Errungenschaften entwickelt. Das zeigt, dass wir kraft der Rationalität gerade nicht absolute Sonderwesen sind, sondern in einer Kontinuität mit den anderen Lebewesen stehen. Und so belegt das Merkmal, das einst als Alleinstellungsmerkmal und als Beleg für die Disparität der menschlichen gegenüber der weltlichen Natur gelten sollte, paradigmatisch, was für jeden Zug des Menschen gilt: dass er von Vorgaben und Anbahnungen aus erwachsen ist, die sich auch sonstwo in der Welt schon finden. ›Geist‹ ist evolutionär erwachsen, und somit sind wir Menschen nicht nur in unserem biologischen, emotionalen und ethologischen, sondern noch in unserem kognitiven Setup zutiefst weltgeprägte und weltverbundene Wesen.

Wolfgang Welsch


Wolfgang Welsch, geb 1946, ist Professor für Philosophie an der Universität Jena. Publikationen u.a.: Aisthesis. Grundzüge und Perspektiven der Aristotelischen Sinneslehre (1987); Unsere postmoderne Moderne (1987, 7. Aufl. 2008); Ästhetisches Denken (1990, 6. Aufl. 2003); Vernunft. Die zeitgenössische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen Vernunft (1995; 4. Aufl. 2007).

Pressestimmen


Wolfgang Welschs radikaler philosophischer Neuansatz versöhnt Natur und Kultur - und deren Wissenschaften gleich dazu. Dass er gelesen wird, bleibt in jedem Fall zu wünschen.
Süddeutsche Zeitung, 6.8.20012, Michael Stallknecht.
Die Denkarbeit des Autors umfasst ein gehörig Maß an qualitativer und quantitativer Anstrengung.
socialnet, 28.2.2012, Jos Schnurer.
Welsch's Buch ist die bislang überzeugendste philosophische Konzeption des 'Homo mundanus'. Mit großsprecherischen Attituden einer transhumanen Wendung, die einen mitunter, zumal aus deutschen Traditionen erschauern lassen können, hat sie wenig gemein. Sie unterzieht sich auf hohem Niveau der Mühe einer Revision und Korrektur von dominierenden Rationalitätsformen. Dass sie die Prämissen der Versuche, Anthropologie zur neuen 'Ersten Philosophie' zu erklären, in Frage stellt, ist von besonderem Gewicht.
Sozialwissenschaftliche Literatur Rundschau, Heft 66/2013, Harald Seubert.
Welschs imposantes Projekt ist als Entwurf kreativ und inspirierend [...].
Neue Zürcher Zeitung, 9.2.2013, Mario Schärli.
Quantität enspricht also unbedingt [sic!] Qualität des Buches.
Reh-Zensionen, Dezember 2012.
Der Geist selbst ist Natur, ist nicht deren Gegenteil. Deshalb kann der Geist die Natur erkennen. Wenn er Wolken und Wasser schön findet, dann deshalb, weil er in ihnen das Prinzip wiedererkennt, nach dem er gebaut ist. Der eigenen Zunft bringt ein solches wildes Denken Welsch nicht näher: "Manche der heutigen Kollegen möchten einfach nicht zur Kenntnis nehmen, was man in den Naturwissenschaften weiß." Sie hätten Angst um ihr Deutungspotenzial. Vielleicht ist es 500 Jahre nach der Renaissance ja einfach einmal wieder Zeit für eine Revolution des Denkens.
Cicero, 8/2013, Michael Stallknecht.
Wolfgang Welsch will das anthroposophische Prinzip aushebeln (...) Denn [die anthroposophische Denkform] lähmt unser Denken. Man weiß schon immer die Antwort auf alle Fragen. Sie lautet: "Es ist der Mensch." Diese Trivialität aber erstickt unser Denken, statt ihm Atem zu verleihen.
Information Philosophie, April 2014.