Die Stunde der Wahrheit? - Studienausgabe

Zum Verhältnis der Wissenschaft zu Politik, Wirtschaft und Medien in der Wissensgesellschaft

  • Erscheinungsdatum: 30.04.2005
  • Paperback
  • 397 Seiten
  • 22.2 x 14 cm
  • ISBN 9783934730984
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Beschreibung


Gegenwärtig erleben wir die Auflösung der Wissenschaft als Institution in ihrer seit dem Ende des 18. Jahrhunderts überkommenen Gestalt. Wissensgesellschaften sind nicht nur durch die vermehrte Produktion und Anwendung wissenschaftlichen Wissens in der Gesellschaft charakterisiert, sondern gleichzeitig durch eine veränderte Art und Weise der Wissensproduktion. Neben der Verwissenschaftlichung der Gesellschaft vollzieht sich eine Vergesellschaftung der Wissenschaft

Seit Ende des 18. Jahrhunderts ent-wickelte sich die akademische Wissenschaft zu einem gesellschaftlichen Funktionssystem, das sich intern immer weiter ausdifferenzierte (immer neue Disziplinen und Teil-disziplinen erfand), nach außen relativ geschlossen war und - wenigstens dem Anspruch nach - eine selbstgesteuerte Entwicklung nahm. Wissenschaftliche Forschung be-mühte sich, durch Reduktion und Vereinfachung der Natur auf Zusammenhänge, die im Laborexperiment erfaßt und kontrolliert werden können, zu allgemeinen Naturgesetzen zu gelangen. Anwendbar war dieses Wissen in dem Maße, wie sich natürliche Verhältnisse auch außerhalb des Labors auf Laborbedingungen hin 'normieren' ließen.

Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts macht das Funktionssystem Wissenschaft gravierende epistemische und institutionelle Veränderungen durch. Wissenschaft als Institution löst sich aus ihrer bisherigen sozialen Isolierung; die Grenzen zwischen universitärer Grundlagenforschung und angewandter Industrieforschung verwischen sich; Wissensproduktion ist nicht mehr vorrangig auf die Suche nach Naturgesetzen gerichtet; die Forschung wendet sich vom Laborexperiment ab und arbeitet eher an Modellen und Simulationen; die Einteilung in Disziplinen ist nicht mehr der entscheidende Organisationsrahmen der Forschung.

Mit einem Wort, die soziale Distanz zwischen akademischer Wissenschaft und Öffentlichkeit schrumpft.
Diese engere Anbindung der Erkenntnisproduktion an soziale Anwendungskontexte stürzt das wissenschaftliche Wissen in vielfache Legitimationskrisen. Der Versuch der Politik, ihre Entscheidungen durch wissenschaftliche Expertise zu rechtfertigen, bringt die Wissenschaft in Verbindung mit den politischen Lagern und involviert sie in deren Konflikte. Im Dauerclinch zwischen Gutachtern und Gegengutachtern verliert wissenschaftliches Fachwissen seine Glaubwürdigkeit.
Vielleicht am schwersten wiegt aber, daß die Schrumpfung der Distanz zwischen der Wissenschaft und den anderen gesellschaftlichen Systemen den Wissensbegriff selbst verändert. Denn diese relative Distanz der akademischen Wissensproduktion zu sozialen Interessen - Status, Macht und ökonomischer Ertrag - war vielleicht die soziale Voraussetzung für die 'Objektivität' wissenschaftlicher Erkenntnis. Der anwendungsorientierten Wissenschaft fällt es schwer, die Erwartungen zu erfüllen, die man traditionell der Wissenschaft gegenüber hegt - nämlich 'objektives', sicheres, gewisses Wissen zu liefern. Schlägt also jetzt der Wahrheit die Stunde?

Peter Weingart


Peter Weingart

Peter Weingart ist Professor em. für Soziologie an der Universität Bielefeld und seit 2015 South African Research Chair for Science Communication an der Stellenbosch University. Holger Wormer ist Professor für Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund. Von 1996 bis 2004 war er Wissenschaftsredakteur der Süddeutschen Zeitung. Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Andreas Wenninger studierte Soziologie, Sozialpsychologie und Philosophie an der Ludwig-Maximilians- Universität München. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Digital Media Lab am Munich Center for Technology in Society an der TU München. Reinhard F. Hüttl ist Vorstandsvorsitzender des Deutschen GeoForschungsZentrums in Potsdam und Präsident von acatec – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften.