Zwischenlagen

Das Außerordentliche als Grund der sozialen Wirklichkeit

  • 1. 1., Auflage
  • Erscheinungsjahr: 2011
  • Erscheinungsdatum: 01.10.2011
  • Hardcover
  • 352 Seiten
  • 22.2 x 14 cm
  • ISBN 9783938808931
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Beschreibung


Der Fluchtpunkt der kulturwissenschaftlichen Perspektive
dieser Untersuchung besteht in der Bedeutung
des Außerordentlichen für die Konstitution sozialer
Ordnung. Ohne Zwischenlagen lassen sich keine Unterscheidungen
denken, ohne Grenzüberschreitung
keine Grenzen, ohne Ausnahmen keine Regel, ohne
Mehrdeutigkeit keine sinnhafte Ordnung, ohne nichtkontraktuelle
Grundlagen kein Vertrag, ohne Exklusion
keine Gemeinschaft, ohne Umwelt kein System. In diesem
konstitutiven Bezug auf das jeweils Ausgeschlossene
unterscheidet sich die soziale Wirklichkeit von der der
Natur: während ein Naturgesetz durch das Auftreten
von Erscheinungen, die ihm widersprechen, falsifiziert
würde, gilt für soziale Regeln und Gesetze das Gegenteil:

Sie werden erst durch das Auftreten von Regelbrüchen
und Gesetzesverstößen oder die Möglichkeit hierzu
notwendig und begründet. Würden keine solchen Regelverstöße
und Gesetzesbrüche vorkommen, so wären
sanktionsbewehrte Regeln gänzlich überflüssig: das soziale
Handeln nähme ohnehin auf spontane und natürliche
Weise den gewünschten oder richtigen Verlauf. Aber
nicht nur ist das Gesetz auf die Möglichkeit des Verbrechens
angewiesen, sondern auch das Verbrechen braucht,
um Verbrechen zu sein, die Existenz der Gesetze. Erst
durch die Störung wird die Ordnung sichtbar und erst
durch die Ordnung erscheint ein Ereignis als Störung.
Das Außerordentliche und die Ordnung, die Ausnahme
und die Regel, die Zwischenlage und die Unterscheidung,
das Gesetz und das Verbrechen konstituieren sich
wechselseitig. Keines ist ohne sein Gegenteil, seine Verneinung,
denkbar.
Dieses Verhältnis der wechselseitigen Konstitution
hat epistemologische Folgen. Es verabschiedet die Vorstellung
einer Realität, die zwar hinter einem Schleier
verborgen ist, aber die durch entsprechende methodische
Operationen und das Bemühen um Gründlichkeit
freigelegt und unverschleiert sichtbar gemacht werden
könnte. Die Gesellschaft gilt dann nicht mehr als ein verzerrendes
Zwangsverhältnis, das die einzelnen Personen
an ihrer Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung
hindert und das durch gerechte Verhältnisse ersetzt werden
könnte, die methodisch strenge wissenschaftliche
Beobachtung führt nicht mehr jenseits der Irrtümer
und Täuschungen zur unverschleierten Wahrheit, das
Ablegen der Maske enthüllt nicht mehr ein authentisches
'natürliches' Selbst, Moral und Marketing sind
kein unversöhnlicher Gegensatz mehr. Stattdessen gilt:

die Suche nach nicht weiter auflösbaren Fundamenten,
nach unverschleierter Wahrheit, nach unmaskierter
Selbstpräsentation, nach gerechter Gesellschaft, nach
störungsfreier Information, nach reiner Konsistenz jagt
nicht nur ein Phantom, sondern präsentiert das, was nur
eine andere Maske, ein anderer Schleier, eine andere Geschichte
ist, als endgültig, als rein und als wahr. Dieser
epistemologische Fundamentalismus unterschlägt die
Entscheidung, eine Repräsentation als unverschleierte
Realität auszugeben. Aber es ist eine Entscheidung,
wenn auch eine in vielen Fällen gemeinsam und fraglos
akzeptierte. Selbst wenn es einen letzten Schleier gäbe, so
würde er nur Schreckliches und Unbegreifliches verhüllen.
Wer die Haut abzieht, sieht den Körper als blutigen
Klumpen.
Was bleibt – und dies ist nicht wenig –, ist die grundsätzliche
Transzendenz der Welt, auf die die Zeichen
verweisen: das Reale hat eine Bedeutung, die sich nicht
in den Schleiern, den Zeichen, den Repräsentationen
erschöpft und die Zeichen sind nur Zeichen, indem sie
sich auf eine Referenz, eine Welt, ein Signifikat beziehen,
die in den Zeichen selbst nicht vollständig erfasst und
aufgehoben werden: es gibt die Fülle des Erlebens, die
jede Beschreibung sprengt, es gibt die Überraschung, die
plötzlich in unsere Gewohnheiten einbricht, es gibt die
Fremdheit, die wir nicht verstehen können. Wenn wir
etwas als real empfinden, dann nehmen wir an, dass es
die Schleier der Zeichen transzendiert und dass es kurze
schockierende Augenblicke geben kann, in denen
das Reale uns auf eine unverstellte Weise entgegentritt,
aber wir wissen auch, dass dieses sich plötzlich offenbarende
Reale für uns immer fremd und erschreckend
bleibt und dass wir diese unüberwindliche Fremdheit
nur in der Kurzschlüssigkeit des Alltags in Vertrautheit
und Gewohnheit verwandeln können. Weder der naive
Realismus noch der radikale Konstruktivismus, der
diese elementare Transzendenz der Welt im Tanz der
Zeichen untergehen lässt, werden dieser Lage gerecht,
in der äußerste Gewissheit und Unrepräsentierbarkeit
zusammentreffen.

Bernhard Giesen


Bernhard Giesen
Bernhard Giesen, geb. 1948 ist seit 1999 Professor für Makrosoziologie an der Universität Konstanz. Er ist Forschungsleiter im DFG-Sonderforschungsbereich »Norm und Symbol« und seit 2006 Vorstandsmitglied des Exzellenzclusters 16 »Kulturelle Grundlagen von Integration«. Seit 2001 ist er regelmäßig Gastprofessor an der Yale University.