Magazin 04/2021

Das Haus brennt

Existenzbeben: Was ist der Mensch und wo geht er hin? - Essay von Hendrik Kühn

Der Klimawandel oder die Corona-Pandemie sind nicht nur zum Gegenstand apokalyptischer Phantasien oder vollkommener Ignoranz geworden, sondern erzeugen als Existenzbeben bei einigen Menschen ein Bewusstsein für sich selbst und die Situation, in der sie sind. Denn was sich in der Zäsur der menschlichen Geschichte eröffnet, könnte auch das Ende eines falschen Kontinuums und die Möglichkeit einer positiven Wendung sein. Es gibt eine Philosophie des rechten Zeitpunktes, des sogenannten Kairos, und ihr vielleicht bekanntester Vertreter ist Giorgio Agamben. Aber sein Ausblick im Artikel »Die Zivilisation wird nicht mehr dieselbe gewesen sein« ist düster: Der Glaube an den Kairos ist erschöpft, der Mensch hat seine Chance vertan. Er verschwindet und übrig bleibt ein nacktes Leben ohne Welt. »Vielleicht kann nur aus diesem Verderben heraus eines Tages«, schreibt er, »etwas anderes auftauchen – nicht ein Gott, gewiss, doch auch kein anderer Mensch –, ein neues Lebewesen vielleicht, eine auf andere Weise lebendige Seele.«

Der Aufhänger des Artikels ist Greta Thunbergs Forderung zu handeln, da »unser Haus brennt«, und Agamben gibt Antwort darauf: »Doch gerade wenn das Haus brennt, muss man weitermachen wie immer, alles sorgsam und genau tun, vielleicht noch gewissenhafter – selbst wenn niemand es bemerken sollte. Mag sein, das Leben verschwindet von der Erde, keine Erinnerung bleibt an das, was getan worden ist, im Guten wie im Bösen. Du aber mach weiter wie zuvor. Zu spät, etwas zu ändern, es bleibt keine Zeit.« In der Apokalyptik wird nicht mehr gehofft und nichts mehr gerettet, was in Hinblick auf Greta Thunbergs Hoffnung auf Rettung des Planeten unversöhnlich ist. ‚Was tun, wenn das Haus brennt?‘, das sehen wir an Agambens Antwort, ist weniger Frage als eine Metapher für die Grundfragen nach den Existenzbedingungen und -möglichkeiten, die die Menschheit immer begleitet: Was ist der Mensch und wo geht er hin? Grundsätzlich müsste sich der Optimismus in Grenzen halten, denn unser Haus ist 4,6 Milliarden Jahre alt, aber erst vor knapp 300.000 Jahren setzte die Hominisation ein, die evolutive Hervorbringung des modernen Menschen. Stellt man die Zahlen ins Verhältnis – insbesondere mit Blick auf die kurze Phase der Sprache und Kultur des späten Homo sapiens, den zeichnerischen Hauptlinien unseres Menschenbildes –, existieren wir nicht länger als ein Wimpernschlag. Hätte die Erde Augen und schlösse sie für einen Moment, gäbe es für sie keinen Grund zu erwarten, dass unsere Zivilisation nach dem Wiederöffnen noch da wäre. Wir wären schließlich nicht die erste Menschenart, die untergegangen ist.

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