Die Stunde der Wahrheit? - Studienausgabe

Zum Verhältnis der Wissenschaft zu Politik, Wirtschaft und Medien in der Wissensgesellschaft

  • Erscheinungsdatum: 30.04.2005
  • Paperback
  • 400 Seiten
  • 22.2 x 14 cm
  • ISBN 9783934730984
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Beschreibung


Gegenwärtig erleben wir die Auflösung der Wissenschaft als Institution in ihrer seit dem Ende des 18. Jahrhunderts überkommenen Gestalt. Wissensgesellschaften sind nicht nur durch die vermehrte Produktion und Anwendung wissenschaftlichen Wissens in der Gesellschaft charakterisiert, sondern gleichzeitig durch eine veränderte Art und Weise der Wissensproduktion. Neben der Verwissenschaftlichung der Gesellschaft vollzieht sich eine Vergesellschaftung der Wissenschaft

Seit Ende des 18. Jahrhunderts ent-wickelte sich die akademische Wissenschaft zu einem gesellschaftlichen Funktionssystem, das sich intern immer weiter ausdifferenzierte (immer neue Disziplinen und Teil-disziplinen erfand), nach außen relativ geschlossen war und - wenigstens dem Anspruch nach - eine selbstgesteuerte Entwicklung nahm. Wissenschaftliche Forschung be-mühte sich, durch Reduktion und Vereinfachung der Natur auf Zusammenhänge, die im Laborexperiment erfaßt und kontrolliert werden können, zu allgemeinen Naturgesetzen zu gelangen. Anwendbar war dieses Wissen in dem Maße, wie sich natürliche Verhältnisse auch außerhalb des Labors auf Laborbedingungen hin 'normieren' ließen.

Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts macht das Funktionssystem Wissenschaft gravierende epistemische und institutionelle Veränderungen durch. Wissenschaft als Institution löst sich aus ihrer bisherigen sozialen Isolierung; die Grenzen zwischen universitärer Grundlagenforschung und angewandter Industrieforschung verwischen sich; Wissensproduktion ist nicht mehr vorrangig auf die Suche nach Naturgesetzen gerichtet; die Forschung wendet sich vom Laborexperiment ab und arbeitet eher an Modellen und Simulationen; die Einteilung in Disziplinen ist nicht mehr der entscheidende Organisationsrahmen der Forschung.

Mit einem Wort, die soziale Distanz zwischen akademischer Wissenschaft und Öffentlichkeit schrumpft.
Diese engere Anbindung der Erkenntnisproduktion an soziale Anwendungskontexte stürzt das wissenschaftliche Wissen in vielfache Legitimationskrisen. Der Versuch der Politik, ihre Entscheidungen durch wissenschaftliche Expertise zu rechtfertigen, bringt die Wissenschaft in Verbindung mit den politischen Lagern und involviert sie in deren Konflikte. Im Dauerclinch zwischen Gutachtern und Gegengutachtern verliert wissenschaftliches Fachwissen seine Glaubwürdigkeit.
Vielleicht am schwersten wiegt aber, daß die Schrumpfung der Distanz zwischen der Wissenschaft und den anderen gesellschaftlichen Systemen den Wissensbegriff selbst verändert. Denn diese relative Distanz der akademischen Wissensproduktion zu sozialen Interessen - Status, Macht und ökonomischer Ertrag - war vielleicht die soziale Voraussetzung für die 'Objektivität' wissenschaftlicher Erkenntnis. Der anwendungsorientierten Wissenschaft fällt es schwer, die Erwartungen zu erfüllen, die man traditionell der Wissenschaft gegenüber hegt - nämlich 'objektives', sicheres, gewisses Wissen zu liefern. Schlägt also jetzt der Wahrheit die Stunde?

Peter Weingart


Peter Weingart
Justus Lentsch, Studium der Mathematik, Physik und Philosophie, Promotion in Philosophie. Von 2002 bis 2009 verschiedene Positionen im Wissenschaftsmanagement und an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Politik und Verwaltung, u.a. am Institut für Wissenschafts- & Technikforschung (IWT), Universität Bielefeld; als freier Mitarbeiter an der Kennedy School of Goverment, Harvard University, und im Wissenschaftsmanagement der BBAW. Seit 2009 ist er Leiter der Stabsstelle Forschung und wissenschaftlicher Nachwuchs der Goethe-Uni Frankfurt. Peter Weingart geb. 1941; Studium der Soziologie und Ökonomie in Freiburg, Berlin und Princeton. Seit 1973 Professor an der Fakultät für Soziologie an der Universität Bielefeld. 1984/84 Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. 1984/85 Visiting Scholar an der Harvard University. 1989 bis 1994 Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Interdisziplinäre Forschung (ZiF). Vorstand am Institut für Wissenschafts- und Technikforschung (IWT) an der Universität Bielefeld. Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Vorsitzender des Graduiertenkollegs "Genese, Strukturen und Folgen von Wissenschaft und Technik" 1992 – 2009. Direktor des Instituts für Wissenschafts- und Technikforschung (IWT), Universität Bielefeld von 1993 – 2009. Weingart ist Inhaber einer Ehrenprofessur an der TU München im Bereich Geistes- und Sozialwissenschaften / Wirtschaftswissenschaften.

Pressestimmen


Hat der Wahrheit also die Stunde geschlagen?Mitnichten, meint Weingart, der sich selbst der Mittel der Luhmannschen Systemtheorie bedient, von ihnen aber einen erfreulich undogmatischen Gebrauch macht. So kann er die Aufgeregtheiten des skeptisch sophistischen Radikal(de)konstruktivismus vermeiden.
Hauke Brunkhorst, FAZ, 5.11.2002.
Peter Weingart versucht die epistemischen und institutionellen Veränderungen in der Wissenschaft sowohl in einen historischen als auch in einen theoretischen Rahmen zu stellen und dabei kenntnisreich die jüngsten Entwicklungen in diesen Rahmen einzuflechten. Das macht das Buch zu einem ausgesprochen lesens- und empfehlenswerten Überblick über das »System Wissenschaft«, seine Beziheungen zu anderen gesellschaftlichen Subsystemen und vor allen Dingen über die komplexen Interaktionen zwischen diesen Subsystemen. [...] ein äußerst informatives und zudem gut lesbares Buch.
Stefan Hornbostel, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 55. Jg (März 2002).
Herausgekommen ist ein Buch, das neben den einschlägigen Veröffentlichungen von Nico Stehr der bislang wohl wichtigste deutschsprachige Beitrag in diesem Forschungsfeld ist. (...) Der Nutzen dieses Buches für die Bildungswissenschaften liegt vor allem in der theoretischen Grundlegung und Differenzierung des Begriffs der Wissengesellschaft. (...) Jede bildungswissenschaftliche Untersuchung zu dieser Frage wird an dem vom Weingart erreichten analytischen Niveau anknüpfen müssen.
Andrä Wolter, Zeitschrift für Bildungsverwaltung, 1/2002.
Das Buch bietet einen gewichtigen Beitrag zur problemfokussierenden Zeitdiagnose.
Bernhard Claußen, Sozialwissenschaftliche Umschau, 2/2002.
[...] es ist eine generelle tiefsinnnige Weitsicht, mit der Weingart die aktuelle Situation analysiert, wobei er pointiert gegen konstruktivistische und relativistische Ansätze in der Wissenschaftsforschung argumentiert. Da seine Untersuchung strukturelle Bedingungen individuellen wissenschaftlichen Verhaltens aufdeckt, empfiehlt sich diese Lektüre für jeden, der sich im Wissenschaftsbetrieb bewegt.
Gabriele Lingelbach, Neue Politische Literatur, Jg. 47 (2002).
Die Stunde der Wahrheit ist im Titel der Studie allerdings mit einem Fragezeichen versehen. Zwar hat die (wissenschaftliche) Wahrheit, so ließe sich das deuten, ihren Auftritt auch und gerade dort, wo es um Verwertung und Kapitalisierung des Wissens geht. Doch es ist dies zugleich der Augenblick der Wahrheit über diese Wahrheit: Die Stunde der Wahrheit könnte auch die Stunde sein, die ihr selbst schlägt - dann nämlich, wenn die Kommerzialisierung des Wissens so weit ginge, daß es kein Wissen mehr gäbe, das Gemeineigentum sein dürfte. […] In der Patentierung von Gensequenzen dokumentiert sich diese Tendenz.
Uwe Justus Wenzel, Neue Zürcher Zeitung, 6. Juli 2002.
Ein Buch für Kritiker und solche, die es noch werden wollen. [...] Man kann dieses Werk als spannende Kontraposition sehen, vieleicht um zu lernen, mit welcher Art von Kritik in der transdisziplinären Forschung zu rechnen ist.
Bernhard Huber, Kontexte 2/2002.
Weingart weist darauf hin, daß seit der Mitte des 20. Jahrhunderts die Mauern des Elfenbeinturms weggesackt sind und durch die Labors der scharfe Wind politischer und ökonomischer Begehrlichkeiten weht. Das verändert die inneren Bedingungen wissenschaftlichen Arbeitens, und das stürzt die Wissenschaft in eine tiefe Vertrauens- und Autoritätskrise. Andererseits sagt Weingart: Zu wissenschaftlichem, wahrem, objektivem Wissen gibt es keine Alternative und damit letzt auch nicht zum Monopolanspruch des Wissenschaftssystems.
WDR 5, Leonardo, 19. Dezember 2001.
Folgt man Weingarts schlüssiger Analyse, so stehen wir erst am Anfang einer Entwicklung, in der durch zunehmende politische Instrumentalisierung die Grenze zwischen gesichertem und hypthetischem Wissem mehr und mehr verwischt wird. (...) Die Stärke von Weingarts Ansatz besteht darin, dass er, obwohl er vorwiegend die Makrostukturen der modernen Wissensgesellschaft beleuchtet, anhand einer Vielzahl von Fallbeispielen eben auch die Handlungskontexte,- motive,- und -strategien der für die Ausgestaltung der heutigen (und künftigen) Ordungen der Wissens- und Informationsgesellschaft maßgeblich verantwortlichen Akteure in den Blick rückt.
Ulrich Prehn, H-Soz-u-Kult, 14.11.2001.
Nun hat Peter Weingart die - für sich genommen keineswegs neuen - Symptome in einem Buch zusammengetragen, das durch drei Eigenschaften besticht: den Reichtum an wohlgeordneten Fakten, die historische Tiefenschärfe und das Fehlen jeglicher Theorieschnörkel, die einem die Lektüre verleiten könnten.
Die Zeit, 22. März 2001.