Die Achtung vor dem Anderen

Psychoanalyse und Kulturwissenschaften im Dialog

  • Erscheinungsdatum: 29.04.2005
  • Hardcover
  • 432 Seiten
  • 22.2 x 14 cm
  • ISBN 9783934730861
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Beschreibung


Lohnt es sich, die Psychoanalyse immer noch ernstzunehmen? Sie hat ohne Frage an Achtung und Einfluss eingebüßt. Ihr Bedeutungsverlust aber ist Symptom; sie ist 'veraltet', weil ihr implizites Menschenbild im Widerspruch zum Zeitgeist steht, gerade dort, wo sie auf Individualität beharrt und Lebensgeschichten als einzig und unverwechselbar betrachtet, auch in einer rückhaltlos globalisierten Welt. Zugleich ist die Psychoanalyse aber ausgesprochen modern, weil sie die Vernetzung mit anderen Wissenschaften herausfordert und so von der Interdisziplinarität lebt. Hier setzt das vorliegende Buch an.
Das Buch erkundet Netzwerke zwischen der Psychoanalyse und den Kulturwissenschaften. Es untersucht den Wert, den die Psychoanalyse für andere Wissenschaften haben kann, und lotet den Erkenntnisgewinn aus, den der Dialog mit der Philosophie, den Gesellschaftswissenschaften und den interpretierenden Kulturwissenschaften für die Psychoanalyse selbst bringt.
Die einzelnen Beiträge befassen sich u. a. mit dem Erinnerungsprozess, dem Zeitbewusstsein, mit der Dynamik seelischer Strukturen, sie widmen sich der Sinnlichkeit des Körpererlebens, aber auch gesellschaftlichen Herausforderungen wie dem Wandel der Familienstrukturen und den neuen Formen politischer Gewalt, sie bearbeiten Werke der Kunst, der Literatur und des Films und kehren schließlich mit gewandeltem Blick zu klinisch-psychoanalytischen Konzepten zurück.
Alle Beiträge können für sich gelesen werden. Doch in allen sind zwei Grundfragen gegenwärtig: die Frage nach den Voraussetzungen seelischer Repräsentation, also des Denkens, und die Frage nach der Anerkennung des Anderen als Anderen. Das Buch ist getragen von der Überzeugung, dass die Achtung vor dem Anderen und die Entwicklung des eigenen Denkens zusammengehören. Die Fremdheit des Nächsten zu akzeptieren gelingt nur, wenn Erfahrungen der Trennung und des Mangels verarbeitet sind. Deren Integration führt zur Symbolbildung, zum Denken. Die Entwicklung der mentalen Repräsentation ist so mit der Entwicklung des interpersonalen Verhältnisses verbunden. Dort, wo der Andere fremd wird, ohne verloren zu gehen, entsteht ein seelischer Innenraum.

Joachim Küchenhoff


Joachim Küchenhoff
Joachim Küchenhoff, geb. 1953, ist Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Basel sowie Chefarzt und ärztlicher Leiter Psychiatrie Baselland, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Bei Velbrück Wissenschaft hat er veröffentlicht Die Achtung vor dem Anderen. Psychoanalyse und Kulturwissenschaften im Dialog (2005); Der Sinn im Nein und die Gabe des Gesprächs. Psychoanalytisches Verstehen zwischen Philosophie und Klinik (2013); Gemeinsame Veröffentlichungen mit Emi Angehrn bei Velbrück Wissenschaft: Die Vermessung der Seele. Konzepte des Selbst in Philosophie und Psychoanalyse (2009); Macht und Ohnmacht der Sprache. Philosophische und psychoanalytische Perspektiven (2012). Die Arbeit des Negativen. Negativität als philosophisch-psychoanalytisches Problem (2013).

Pressestimmen


Joachim Küchenhoff zeigt in grossartiger Weise im vorliegenden Buch auf - mit einer umfassenden und tiefgründigen Analyse und Synthese - wie es um "Die Achtung vor dem Anderen" steht. Dabei werden Grenzgänge zwischen Psychoanalyse und Philosophie beschrieben und Strukturenkonzepte angedacht.
kulturpunkt.ch, Januar 2008.
Küchenhoff erstaunt in seinem Werk nicht nur mit großer, bei so komplexer Thematik selten anzutreffener Klarheit des Gedankengangs, die dementsprechend auch das Lesen angenehm und erfreulich gestaltet. Angesichts der Vielfalt der Ansätze, die hier miteinander in Beziehung gesetzt werden, ohne je zu verschwimmen und ihre Eigenständigkeit einzubüßen, scheint es, dass die "Anerkennung des anderen" - theoretischer Ausgangspunkt und Titel des Buches - nicht nur Gegenstand der Ausführungen ist, sondern ein dem Text inhärentes, praktisch durchgeführtes Programm - mit dem glücklichsten Ergebnis für eine inhaltsreiche, differenzierte und im besten Sinne interdisziplinär geführte intellektuelle Debatte. Dies ist, so meint die Rezensentin, tatsächlich eines der wenigen Bücher, die nicht nur im Stande sind, das Gedankengut der Wissenschaft in eine andere hineinzutragen, sondern jene Vernetzung zwischen den Wissenschaften zu leisten vermögen, die im interdisziplinären Austausch ebenso selten wie unumgänglich ist. In diesem Sinne wäre es sehr wünschenswert, der Band fände in der Geschichtswissenschaft ebenso wie in den anderen Kulturwissenschaften und der Psychoanalyse selbst eine möglichst große Verbreitung.
Sabine Schlüter, Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit. 6. Jg. 2006, Heft 1.