Kritik der Gleichheit - Studienausgabe

Über die Grenzen der Gerechtigkeit und der Moral

  • Erscheinungsdatum: 30.04.2005
  • Paperback
  • 341 Seiten
  • 22.2 x 14 cm
  • ISBN 9783934730977
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Beschreibung


Die Gerechtigkeit verlangt nach dem bekannten Wort von Aristoteles, Gleiche gleich und Ungleiche ungleich zu behandeln. Wer aber gehört zu den Gleichen und wer zu den Ungleichen? Die Gerechtigkeit hat offensichtlich ein Kriterienproblem. Ihr muß eine Kritik der Gleichheit vorangehen, die sowohl die Grenze zwischen den Gleichen und den Ungleichen zieht und dabei die Eigenschaften benennt, von denen zum Zweck der Egalisierung abgesehen werden muß, als auch die Merkmale angibt, die eine Gleichbehandlung verbieten.
In der ersten der hier vorgelegten sieben Abhandlungen entwickelt Wolfgang Kersting aus der Kritik der herrschenden egalitären Sozialstaatsphilosophie ein liberales Modell des Sozialstaats. Der liberale, subsidiäre Sozialstaat stellt sich nicht mehr in den Dienst der Gleichheitsfürsorge, sondern der Freiheitsfürsorge. Er strebt nicht mehr die Beseitigung aller materiellen Ungleichheiten, nicht mehr den Ausgleich aller zufälligen natürlichen oder gesellschaftlichen Bevorzugungen oder Benachteiligungen an. Während das Freiheitsverständnis der Egalitaristen im Grunde ein negatives ist (insoweit es auf die Vermeidung und Abwehr jeder Art von Kontingenz zielt), erweitert der liberale Sozialstaat den Freiheitsbegriff um die Elemente der Selbstbestimmung und Selbständigkeit. Gerade um des Freiheitsrechts auf ein selbstbestimmtes und selbständiges Leben willen gewährt er für den Fall, daß jemand - aus welchen Gründen auch immer - zur Selbstversorgung unfähig ist, einen Rechtsanspruch auf einen hinreichenden Anteil an den kollektiv erwirtschafteten Gütern.

Die zweite Studie setzt die Kritik der egalitären Verteilungsgerechtigkeit auf dem Boden der politischen Philosophie der internationalen Beziehungen fort. Gleichheitskritik ist auch das systematisch zentrale Thema der folgenden Abhandlung über die Grundlagen einer gerechten Gesundheitsversorgung. Ausgangpunkt ist die Einsicht, daß durch den fortwährenden Nachfrage- und Kostenanstieg medizinischer Leistungen eine Rationierung nicht zu vermeiden ist. Wohl darf niemand von vornherein vom Recht auf gesundheitliche Versorgung ausgenommen werden; dennoch muß sich die Moralphilosophie um eine Differenzierung bemühen, die begründet, warum eine Person ein bestimmtes knappes Gut eher verdient als eine andere. Eine Ethik der Rationierung ist die notwendige Ergänzung der Gerechtigkeitsethik in einer unvollkommenen Welt.

Die beiden folgenden Untersuchungen widmen sich der gegenwärtigen Renaissance der Tugend, die den universalistischen Anspruch der modernen Moralphilosophie nachdrücklich zurückweist. Kersting hält eine Re-Aristotelisierung der Moral für untauglich. Eine Tugendethik ist konstitutionell auf einen sozialen Lebens- und Erfahrungsraum eingeschränkt. Eine charakterbildende Ethik ist untauglich, wenn (wie etwa in Fragen der Sterbehilfe) Situationen moralischer Ratlosigkeit eintreten, in denen kohärente Überzeugungen auf einem neuen Handlungsfeld erst herausgebildet werden müssen.

In den beiden abschließenden Kapiteln geht es um die Modernisierungsbedürftigkeit der modernen Moralphilosophie. Die moralphilosophischen Standardtheorien der Moderne - Kantianismus, Diskursethik, Utilitarismus - sind insgeheim immer noch einem vormodernen, metaphysischen Erkenntnisprogramm verpflichtet. Das bezeugt ihr Letztbegründungsanspruch ebenso wie ihr Ratiozentrismus und ihre Weigerung, moralische Dilemmata zu akzeptieren: Daß es immer eine eindeutige Lösung gebe und daß sich immer ein Argument als das bessere identifizieren lasse, sind Überreste metaphysischer Überzeugungen. Statt dessen, meint Kersting, müssen wir Ungewißheit, Dilemmata und Unerlöstheit als Dauerzustand akzeptieren.

Das zeigt sich gerade an den aktuellen Diskussionen zur Ökologie-, Gen- und Wissenschaftsethik. Hier verlieren Nutzenprinzip, kategorischer Imperativ und Menschenrecht ihre Fähigkeit, Orientierung zu schaffen; und es wäre vergeblich, in diesen neuen Problemen nur Anwendungsfälle der bekannten ethischen Prinzipien zu sehen. Neue Bindestrich-Ethiken taugen nicht dazu, unserer Ratlosigkeit Herr zu werden. Wir müssen einsehen, daß Moralexperten und Sollensspezialisten, auch wenn sie in einem Nationalen Rat zusammengefaßt sind, genausowenig wissen wie wir selbst, was wir tun sollen.

Kersting plädiert entschieden für eine Modernisierung der Ethik, die sich von normativistischen Illusionen verabschiedet; für eine inventive Ethik der aktiven moralischen Gestaltung der Problemfelder, die durch den Prozeß der Modernisierung entstanden sind; für eine moralische Rationalität, die - pluralistisch und dissensfähig - die fälligen Entscheidungen im Rahmen einer offenen gesellschaftlichen Diskussion nach demokratischen Verfahrensregeln trifft.

Wolfgang Kersting


Wolfgang Kersting

Wolfgang Kersting, geb. 1946, ist Ordinarius für Philosophie und Direktor am Philosophischen Seminar der Universität Kiel.

Pressestimmen


Die sicher nicht ganz einfache, aber anspielungsreiche und rhetorisch elegante Sprache macht die reiche, Belehrung bietende Lektüre zu einem Vergnügen.
ZStw 120 (2008) Heft 1, Dietmar von der Pfordten.
Wolfgang Kersting attackiert in seinen neuesten Veröffentlichungen den Egalitarismus in scharfer Form.
Thomas Schramme, Zeitschrift für philosophische Forschung, Bd 58, Heft 1 (Jan.-März 2004)
Wolfgang Kersting (...) hat mit seiner Kritik der Gleichheit ein weiteres fundamentales ethisches und rechtsphilosophisches Werk vorgelegt. Ebenso wie seine Theoriegeschichte zeichnet sich auch dieses neue Buch durch gründliche Literaturkenntnis und -verarbeitung aus, aber auch durch scharfe Polemik gegenüber Andersdenkenden.
Ulrich Busch, Utopiekreativ, Oktober 2003.
(...) eine streitlustige, gleichwohl brillant geschriebene Sammlung von Aufsätzen (...). Kersting ist ein durchgehend unbequemer Denker, ohne Scheu vor der Schlachtung heiliger Kühe, niemals jedoch bloßer Kritikaster. Seine Überlegungen präsentieren nicht nur radikale Dekonstruktion, sondern stets auch alternative Denkmodelle, die zu Auseinandersetzung und Widerspruch herausfordern. Die oft beklagte Bedeutungslosikgkeit der Philosophie jedenfalls möchte man diesem lesenwerten Beitrag zur modernen politischen Philosophie kaum attestieren.
RL, ZPol-Bibliografie 2/2003.
Kersting verlangt von der philosophischen Reflexion konkrete Anhaltspunkte für den Prozess institutioneller Gestaltung. In dieser Hinsicht leistet er - was den deutschsprachigen Raum betrifft allemal - Pionierarbeit.
Michael Schefczyk, DZPhil 51 (2003) 4.
Vieles, was Kersting im Zusammenhang seiner Idee der Freiheitsfürsorge über die sozialen Erfordernisse einer autonomen Lebensgestaltung sagt, überzeugt durch moralische Klarsicht und sozialpolitischen Commmon Sense.
Wilfried Hinsch, Frankfurter Rundschau, Das Politische Buch, 30.12.2002.
»(...) ein wichtiger, gerade die Theorie der Rationalität wie viele Fragen der Gerechtigkeit weiterführender Versuch auch angesichts der neuen technologischen Herausforderungen.
Hans-Martin Schönherr-Mann, Das Parlament, 18./25.11.2002.
Sein neuestes Buch versammelt eine Reihe höchst substanzieller Abhandlungen zu unterschiedlichen Themen (...). Auch diesmal warnt Kersting mit Scharfsinn und Verve vor den Folgen, die eine Verabsolutierung des Gleichheitsprinzips anscheinend zeitigen muss.
Andreas Kuhlmann, Berliner Zeitung, 18.11.2002.
Hier ist das berühmte Buch, das man mitnimmt auf die nicht minder berühmte einsame Insel. Ganze Bibliotheken getrost zu Hause lassend, um nur dieses eine zu lesen. Das braucht seine Zeit. Genau die, die einer braucht, um halbwegs klar zu sehen im schier undurchdringlichen Dschungel der wildwuchernden Gerechtigkeits- und Moralsemantiken.
Walter Grasnick, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. April 2002.
[…] beeindruckt Kerstings Gegenwartsdeutung durch den Mut, Grenzen des Wissens zu markieren. Im Gegensatz zu vielen »Certisten«, die aus ihren Prinzipien kluge Antworten auf alle möglichen Fragen ableiten, betont er den offenen, hypothetischen Charakter ethischer Reflexion.
Friedrich Wilhelm Graf, Süddeutsche Zeitung, 20. März 2002.