Die Instabilität der Praxis

Reproduktion und Transformation des Sozialen in der Praxistheorie

  • Erscheinungsdatum: 01.12.2013
  • Hardcover
  • 400 Seiten
  • Fadenheftung
  • 22.2 x 14 cm
  • ISBN 9783942393669
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Beschreibung


Praxistheorien bilden ein zunehmend an Bedeutung gewinnendes Forschungsprogramm, das gegenwärtig sozial- und kulturwissenschaftliche Disziplinen von der Soziologie über die Geschichts- und Politikwissenschaft bis hin zur Archäologie beeinflusst. Eines ihrer Kennzeichen ist die Betonung der Routinehaftigkeit sozialen Handelns, die teilweise in die Kritik geraten ist. Vertreten die Praxistheorien damit grundsätzlich eine statische Perspektive auf das Soziale? Ausgehend von der Frage nach ihrem Verständnis von Reproduktion und Transformation des Sozialen werden die Positionen von Pierre Bourdieu, Judith Butler, Michel Foucault und Bruno Latour im Detail beleuchtet. Dabei steht das Konzept der Wiederholung im Zentrum der Perspektive.

Das Buch entwickelt einen Vergleich der vier Ansätze, indem es die jeweilige Verwendung zentraler sozial- und kulturtheoretischer Analysekategorien (Körper, Materialität, Macht/Norm) diskutiert.
Zudem arbeitet es methodologische Prinzipien heraus, die empirische Studien anleiten können. Damit bietet das Buch sowohl einen systematischen Beitrag zur aktuellen Theoriedebatte als auch eine Handreichung für die praxeologische Forschung.
Inhalt

1. Einleitung 1
1.1 Praxistheorie 3
1.1.1 Basisannahmen der Praxistheorie 5
1.1.2 Praxistheorie im Kontext von Soziologie und Kulturtheorie 12
1.1.3 Der Praxisbegriff im Kontext von „Regel“ und „Norm“ 15
1.1.4 Strukturbegriff und Nähe zum Poststrukturalismus 20
1.2 Stabilität und Instabilität der Praxis 24
1.3 Das Denken der Wiederholung 29
1.3.1 Poststrukturalistische Perspektiven 31
1.3.2 Analytische Perspektive und Leitfragen der Arbeit 34
1.4 Begründung der Auswahl der Theorien 36
1.5 Theorieverständnis 38
1.6 Theorievergleich 40
1.7 Anlage und Aufbau der Arbeit 46

2. Pierre Bourdieu: Die statische Reproduktion des Sozialen 49
2.1 Praxeologische Bezüge: Wittgenstein und „Regelfolgen“ 52
2.2 „Praxis“ zwischen Subjektivismus und Objektivismus 54
2.2.1 Bourdieus Kritik am Subjektivismus 54
2.2.2 Bourdieus Kritik am Objektivismus 56
2.3 Das Habituskonzept 58
2.4 Die Körperlichkeit der Praxis 63
2.5 Die Zeitlichkeit der Praxis 66
2.6 Die dynamische Logik der Praxis 68
2.7 Die soziale Welt als Feld 70
2.8 Die Kapitalsorten 72
2.9 Das Koinzidenzverhältnis zwischen Habitus und Feld 73
2.10 Kritik an der Statik von Bourdieus Theorie der Praxis 76
2.11 Das Spannungsverhältnis zwischen dynamischer Praxis und statischer
Reproduktion 79
2.12 Die Homogenitätsperspektive der Feinen Unterschiede 86
2.13 Die Homogenitätsperspektive der Feldtheorie 90
2.14 Von Homogenität zu Heterogenität 92
2.15 Zwischenfazit 94

3. Michel Foucault: Die historische Transformation von Praktiken 102
3.1 Diskursive Praxis 104
3.1.1 Die wiederholbare Materialität des Diskurses und Foucaults Regel-verständnis 108
3.1.2 Diskursive Praktiken als Handlungen 109
3.1.3 Die diskursive Konstitution des Subjekts 110
3.1.4 Die Sonderstellung diskursiver Praxis 111
3.1.5 Diskursive Praxis und das Problem der Transformation 113
3.1.6 Das praxeologische Potential der Archäologie 115
3.2 Die Dynamik des Macht-Wissens und die Körperlichkeit des Sozialen 117
3.2.1 Die Genealogie 118
3.2.2 Das produktive Machtkonzept 119
3.2.3 Das dynamische Wissenskonzept 123
3.2.4 Bewertung der dynamischen Wissenskonzeption 126
3.2.5 Körperlichkeit der Macht und des Wissens: Die Disziplin 128
3.2.6 Die Wiederholung disziplinärer Übungen 129
3.2.7 Das Dispositiv als Kategorie zur Analyse heterogener Ensembles 132
3.2.8 Charakteristika der Genealogie 134
3.3 Gouvernementalität und Technologien des Selbst 135
3.3.1 Gouvernementalität 136
3.3.2 Technologien des Selbst 139
3.3.2.1 Das Thema der Sorge um sich 140
3.3.2.2 Der historische Wandel der Selbstsorge 143
3.3.2.3 Die praxeologische Methodologie der Analyse 148
3.3.2.4 Technologien des Selbst als stabilisierende Übungen 152
3.3.2.5 Asketische Übungen als körperliche Wiederholungen 154
3.3.2.6 Zwei Formen von Übungen 158
3.4 Zwischenfazit 161

4. Judith Butler: Die Instabilität performativer Wiederholung 168
4.1 Das Performativitätskonzept in der sprachphilosophischen Debatte 171
4.1.1 Austins Entdeckung 172
4.1.2 Derridas Kritik an Austin 173
4.2 Performanz des Geschlechts und das Denken der Wiederholung 177
4.3 Subjektkonzeption 182
4.4 Das feministische Subjekt und die politischen Konsequenzen von Butlers Perspektive 183
4.5 Iterabilität und Subversion 185
4.6 Die Konzeption des Körpers 188
4.6.1 Performative Materialisierung 190
4.6.2 Körperwissen (mit Bourdieu) 193
4.6.3 Leidenschaftliches Verhaftetsein und Kritik der Psychoanalyse 195
4.7 Norm und Geschlecht 201
4.8 Butlers Kritik des illokutionären Verständnisses von Performativität 205
4.9 Butlers Kritik der Iterabilität 207
4.10 Zwischenfazit 211

5. Bruno Latour: Die Stabilisierung des Sozialen in heterogenen Netzwerken 218
5.1 Laborkonstruktivismus 220
5.2 Das verallgemeinerte Symmetrieprinzip 223
5.3 Die gesellschaftstheoretische Diagnose 224
5.4 Eine „variable Ontologie“ 227
5.5 Die Unbestimmtheit des Sozialen 229
5.6 Wer handelt? 232
5.7 Instabilität und Stabilität des Sozialen 236
5.8 Theorie und Methode 239
5.9 Der Modus der Analyse 241
5.9.1 Die Lokalisierung des Globalen 242
5.9.2 Die Neuverteilung des Lokalen 244
5.9.3 Die Verknüpfung von Orten 246
5.10 Paradigmatische Beispiele und verschiedene Dingbezüge 248
5.10.1 „Unerbittliche“ Dinge 249
5.10.2 Hybride Konstellationen 253
5.10.3 „Rahmende“ Dinge 254
5.11 Subjektivität als Effekt zirkulierender Formate 256
5.12 Kritik der „Plug-in“-Metapher 258
5.13 Die Körperlichkeit des Sozialen 260
5.14 Zwischenfazit 265

6. Vergleichende Diskussion 271
6.1 Praxis als Wiederholung 273
6.1.1 Konzeptionen von Wiederholung 273
6.1.2 Ein praxeologisches Wiederholungsverständnis 281
6.2 Praxeologische Analysekategorien 286
6.2.1 Die Körperlichkeit der Praxis 287
6.2.1.1 Der Körper in den diskutierten Ansätzen 287
6.2.1.2 Inkorporation 288
6.2.1.3 Die Trägheit des Körpers 294
6.2.1.4 Affektivität 297
6.2.1.5 Die praktische Konstitution des Körpers 300
6.2.1.6 Der Körper als praxeologische Analysekategorie 302
6.2.2 Die Materialität der Praxis 305
6.2.2.1 Materialität in den diskutierten Ansätzen 306
6.2.2.2 Die konstitutive Dimension des Materiellen 307
6.2.2.3 Räumlichkeit 309
6.2.2.4 Materialität als Effekt von Wiederholung 312
6.2.2.5 Materialität als praxeologische Analysekategorie 313
6.2.3 Praxis, Macht und Norm 316
6.2.3.1 Macht und Norm in den diskutierten Ansätzen 316
6.2.3.2 Macht als instabile Relation 317
6.2.3.3 Norm als spezifische Konstellation 321
6.2.3.4 Macht und Norm als praxeologische Analysekategorien 324
6.3 Heuristische Prinzipien der Praxistheorie 325
6.3.1 Dezentrierung des Subjekts 325
6.3.2 Relationalität der Praxis 326
6.3.3 Zeitlichkeit der Praxis 327
6.3.4 Transitive Methodologie 328
6.3.5 Graduelle Differenzen 330

7. Fazit 333

8. Bibliographie 346

Hilmar Schäfer


Hilmar Schäfer, Dr. phil., ist Professur für Vergleichende Kultursoziologie an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät Europa-Universität Viadrinam Lehrstuhl für Vergleichende Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Soziologische Theorie, Kultursoziologie, Praxistheorie und poststrukturalistische Soziologie, Akteur-Netzwerk-Theorie, Pragmatismus, kulturelles Erbe, materielle Kultur, Architektur, Wissensobjekte Praxistheorie, Pragmatismus sowie Kunst- und Kultursoziologie. Jüngste Veröffentlichungen: 'Kreativität und Gewohnheit. Ein Vergleich zwischen Praxistheorie und Pragmatismus', in: Göttlich/Kurt (Hg.): Kreativität und Improvisation. Soziologische Positionen (2012); 'Bourdieu gegen den Strich lesen. Eine poststrukturalistische Perspektive', in: Suber/Schäfer/Prinz (Hg.): Pierre Bourdieu und die Kulturwissenschaften. Zur Aktualität eines undisziplinierten Denkens (2011) sowie Praxistheorie. Ein soziologisches Forschungsprogramm (2016).

Pressestimmen


Die Idee Schäfers, die Vermittlung von Stabilität und Instabilität durch den von Tarde und Deleuze/Guattari überlieferten Begriff der komplexen Wiederholung zu konzipieren, ist ohne Zweifel überzeugend und leuchtet ein.
Robert Seyfert, Soziologische Revue 38(3)/2015.