Genealogien sind Entstehungsgeschichten, denen es um die Gewordenheit – und damit um historische Kontingenz, Variabilität und Bedingtheit – kollektiv verankerter und normativ aufgeladener Ideale, Praktiken oder Institutionen geht. Das prägende narrative Element ist in einer verwischten Unterscheidung zwischen ›Geschichte‹ und ›Geschichten‹ zu erkennen. Was jedoch muss hinzutreten, um Genealogie nicht unspezifisch mit jeglicher Art Geschichte gleichzusetzen? Die vorliegende Studie liefert Antworten auf diese Frage.
Ulf Bohmann erarbeitet durch die Begutachtung praktizierter und denkbarer Genealogien einen methodologischen Werkzeugkasten, der eine Einordnung (und bei Bedarf auch Konstruktion) strategischer Historisierungen erlaubt. Das Ziel jeder Genealogie ist ›Entselbstverständlichung‹ mit einem legitimationsbezogenen Effekt. Dies geschieht zuvorderst dort, wo die Geschichte von etwas erzählt wird, das vermeintlich gar keine Geschichte hat, das uns schlicht gegeben und unveränderlich erscheint. Erst so werden scheinbar gegebene Dinge zu etwas Politischem. Die Motivation und intendierte Wirkung ihrer kritischen Anwendung für die Gegenwart gehören also zum Kern dessen, was Genealogien ausmacht.
Darüber hinaus wird gezeigt, dass bei Michel Foucault und Charles Taylor zwei formal ähnliche, aber inhaltlich geradezu diametral entgegenstehende Grundtypen ausgereifter kritischer Genealogie vorliegen: subversiv-düstere Geschichten der Macht und affirmativ-lichte Geschichten des Guten. Beide Ansätze liefern Perspektiven, ohne die das Politische einseitig bleibt. Zusammengenommen wird so der Weg hin zu einer Theorie kritischer Genealogie geebnet.