Kritik der Tragödie

Über dramatische Entschleunigung

  • Erscheinungsdatum: 01.01.2011
  • Hardcover
  • 728 Seiten
  • 22.2 x 14 cm
  • ISBN 9783942393041
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Beschreibung


Die »Kritik der Tragödie« ist in erster Linie Kritik an der philosophischen Tragödientheorie, die darauf hinausläuft, das tragische Geschehen als notwendig zu behaupten. Der höhere Sinn, den es durch die Theorie empfängt, hat den Preis einer Affirmation des Schicksals: mithin den Preis der Freiheit. Die These der vorliegenden Untersuchung besteht darin, dass die Tragödien das nicht hergeben. Jede Tragödie ist Darstellung und Kritik des Tragischen; sie ist, dem doppelten Sinn des Genitivs folgend, das Medium ihrer Selbstkritik. Die Gattung ist, von ihren griechischen Anfängen bis zu den späten Produktionen des 20. Jahrhunderts, viel »brechtscher« als ihr Ruf: Brecht selbst, verfangen in die politischen Kämpfe mit dem Einfühlungstheater des 19. Jahrhunderts, mochte nicht wahrhaben, in welchem Grade ihm das klassische Theater der vorbürgerlichen Periode ein Bundesgenosse hätte sein können.
Diese These wird an einem Textkorpus durchgeführt, das sich in den weitläufigen Bahnen des Orestie-Stoffs bewegt und von der Aischyleischen ›Orestie‹ bis zu Hofmannsthal und Heiner Müller reicht. Methodisch lebt die Arbeit aus der Spannung zwischen dem systematischen Ansatz und der Überzeugung, dass es allein der exaktesten philologischen Arbeit gelingen kann, das kritische Potenzial der Tragödie gegen den tragödientheoretischen common sense zu bergen. Eine Reihe grundlegender Neulektüren klassischer Stücke hat sich aus diesem Verfahren ergeben.

Das besondere Augenmerk der Untersuchung liegt dabei auf Phänomenen dramatischer Entschleunigung. Angefangen von den Chorliedern, den »songs« der griechischen Tragödie, bildet sich vor allem in ihnen die Tragödie in ein Reflexionsmedium ihrer selbst um. Schicksal, das ist die Zeit in ihrer beschleunigten Form heißt es bei Jean Giraudoux, und so ist es für die tragische Form kennzeichnend, dass die Einheit von Darstellung und Kritik des Schicksals sich im Gegenschnitt von Beschleunigung und Verlangsamung realisiert.

Wolfram Ette


Wolfram Ette geb. 1966, Literaturwissenschaftler. Studium der Allgemeinen Vergleichenden Literaturwissenschaft, Philosophie und Gräzistik in Berlin und Paris. 1995 Abschluss des Studiums mit einer Arbeit über Pindars späte Gedichte. 2000 Promotion über Thomas Manns Josephsromane. Von 2000-2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Technischen Universität Chemnitz. 2009 Habilitation an der Technischen Universität Chemnitz. 2010/11 Professurvertretungen in Chemnitz und München.

Pressestimmen


Blitzgescheit und glasklar führt er (der Autor) uns die Stationen seiner Tragödiengeschichte vor Augen, ihre Mechanik und Tektonik, ihre historischen Kontexte, und das durchaus wortgewandt und elegant. Das sollte bei einem so umfangreichen Buch ein gutes Argument sein: Der Mann kann schreiben! Und mit der "Kritik der Tragödie" hat er ein grandioses Werk vorgelegt.
faust-kultur.de, Bernd Leukert, 15.5.2013.
Ette hat eine in sich völlig konsistente moderne Tragödientheorie vorgelegt. (...) Streng genommen klärt sein Buch über den Intensitätsverlust weiter Teile der gegenwärtigen Literaturwissenschaft auf, die ihren Gegenstand über die Andacht vor seiner Historizität oft dem politischen wie ästetischen Abseits überantwortet haben.
Weimarer Beiträge 58 (2012) 4, Claude Haas.
Der Literaturwissenschaftler Wolfram Ette zeigt, dass die Kritik am Tragischen immer schon zur Tragödie gehörte.(...) Ette stützt seine Tragödientheorie auf eine minutiöse und akribische philologische Arbeit, aus der eine Reihe von grundlegenden Neulektüren klassischer Stücke hervorgegangen ist.
Süddeutsche Zeitung, 15.2.2012, Michael Fischer.
W. Ette Arbeit überzeugt durch ihren innovativen systematischen Ansatz genauso wie durch die sorgfältigen philosophischen Relektüren der genannten Texte.
Germanistisk, Bd. 52 (2011) Heft 1-2, Nina Birkner.
Ettes brillant geschriebene Studie hat einen erfreulich gereizten Unterton. (...) Wer die klassischen Texte mit der Lupe liest, der wird erkennen, dass die Tragödie nicht auf die Verklärung des Tragischen zielt, sondern auf seine Kritik.
Die ZEIT, 20.10.2011, Thomas Assheuer.