Prekäre Selbst-Bezeugung

Die erschütterte Wer-Frage im Horizont der Moderne

  • 1. Auflage 2012
  • Erscheinungsdatum: 01.04.2012
  • Hardcover
  • 380 Seiten
  • 22.2 x 14 cm
  • ISBN 978-3-942393-28-7
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Beschreibung


In einem von Merleau-Ponty und Foucault angeregten Rückblick auf Descartes und Kant (Kap. I-III) erprobt dieses Buch einen in den Standarderzählungen der Philosophiegeschichte verschütteten Gedankengang:
dass das Selbst zunächst kein Gegenstand der Erkenntnis, des Wissens oder des Erzählens ist, dass es aber auch nicht in einer uferlosen Kontingenz sich auflöst, der man allein noch nachträglich narrativ scheint Rechnung tragen zu können. Es existiert vielmehr als bezeugtes bzw. als auf Bezeugung angewiesenes und stellt sich insofern keineswegs nur als ein Verhältnis zu sich heraus (Kierkegaard), sondern erweist sich als vom Anderen her dazu herausgefordert, 'jemand' zu sein – für sich und Andere. Dieser Gedanke rückt nach Kierkegaards Hegel-Kritik (Kap. IV) und dramatisiert durch den Verzicht auf einen absoluten Zeugen, wie ihn Sartre beschrieben hat (Kap. V), im Ausgang von Heidegger vor allem bei Ricoeur und Arendt in den Vordergrund (Kap. VI/VII).
Doch der Begriff des Anderen ist in sich ebenso vieldeutig wie der Anspruch, der in dieser Herausforderung zur Geltung kommt. Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass der Anspruch des Anderen zwischen einem bloß appellativen Sinn einerseits und Prätentionen andererseits schwankt, in denen tatsächlich eine Berechtigung, ein gerechter Anspruch oder ein Recht im engeren Sinne zum Ausdruck kommen kann. Indem das Selbst nicht etwa nur sich selbst, sondern sich als vom Anderen herausgefordertes bezeugt (Kap. VIII), muss es sich dessen Anspruch genau in diesem Schwanken, in dieser Vieldeutigkeit stellen. Und nur so, im Lichte eines nicht eindeutigen Anspruchs des Anderen wird aus dessen Bezeugung auch eine politische Angelegenheit (Kap. IX).

Burkhard Liebsch


Burkhard Liebsch

Burkhard Liebsch ist Prof. i. R. an der Ruhr-Universität Bochum. Nach seinem Studium der Philosophie, Psychologie, Pädagogik und Sozialwissenschaften an den Universitäten in Heidelberg und Bochum und im Anschluss an seine Promotion (mit einer Arbeit über Piaget und Merleau-Ponty) war er Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Philosophie von Bernhard Waldenfels. Nach der Habilitation 1994/5 war er Gastprofessur am Humboldt-Studienzentrum für Geisteswissenschaften und Philosophie der Universität Ulm, Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut im Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen in Essen, mehrfach Research Fellow am Forschungsinstitut für
Philosophie Hannover und Fellow an der Universität Rostock; darüber hinaus war er Gastdozent an den Universitäten Debrecen, Bukarest und Sofia, am Institut für Philosophie und Gesellschaftstheorie der Universität Belgrad, am Open Society Institute Vilnius, in Bozen/Innsbruck und an der Universität Bamberg; zwischenzeitlich mehrjährige Lehre im Rahmen des Lehrstuhls für Politische Theorie und Ideengeschichte am Institut für Politikwissenschaft der Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie der Universität Leipzig. Bis zum Eintritt in den Ruhestand lehrte er als Professor an der Fakultät für Philosophie und Erziehungswissenschaft an der Ruhr -Universität Bochum in Verbindung mit einem mehrjährigen DFG-Forschungsprojekt zu Grundfragen hermeneutischer Anthropologie.