Die Erfindung Amerikas in der Kulturkritik der Generation von 1890

  • 1. Auflage 2002
  • Erscheinungsjahr: 2002
  • Erscheinungsdatum: 01.05.2002
  • Hardcover
  • 334 Seiten
  • Fadenheftung
  • 22.2 x 14 cm
  • ISBN 9783934730502
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Beschreibung


Die Entdeckung Amerikas fällt in das Jahr 1890 - das heißt: in diesem Jahr beginnt eine Generation europäischer Intellektueller zu bemerken, daß Europa nicht mehr der Mittelpunkt der Weltgeschichte ist. Es ist zugleich der Zeitpunkt, zu dem der Alte Kontinent, ermüdet von den sozialen und kulturellen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts, der bürgerlichen Kultur und ihrer Trägerschicht, dem Bürgertum, den Totenschein ausstellt. »Kulturuntergangsstimmung« macht sich breit: Es beginnt ein tiefgreifender Wandel des europäischen Selbstverständnisses.

Die bange Frage nach der Zukunft Europas angesichts der weltpolitischen Bedeutung der Vereinigten Staaten wie auch das geschichtsphilosophisch motivierte Krisenbewußtsein sind zwei Seiten derselben Medaille. Deshalb ist die »Entdeckung« Amerikas eine »Erfindung«. Die Frage lautet nicht, was und wie Amerika ist, sondern was es für Europa bedeutet. Das geschichtsphilosophisch motivierte Interesse schließt konkrete Landeskunde geradezu aus. Amerika wird zum Thema, indem man es erfindet - und zugleich verdrängt.

Georg Kamphausen


Georg Kamphausen
Georg Kamphausen, geb. 1955, akademischer Oberrat am Lehrstuhl für Politische Soziologie und Geschäftsführer der Amerika-Forschungsstelle an der Universität Bayreuth, studierte Soziologie und Geschichte an den Universitäten Freiburg, Bielefeld und Tübingen. Seit 2007 apl. Professor für Historische Soziologie. Arbeitsschwerpunkte: Kultur- und Religionssoziologie, politische Ideengeschichte, Amerikastudien. Professor für Politische Soziologie in Bayreuth.

Pressestimmen


In weit ausholenden, lesenswerten Passagen wird die Generationeneinheit als "konjunktiver Erfahrungsraum" bestimmt, in dem sich die mentalen Positionen und geteilten Regelsysteme niederschalgen, mit denen die Angehörigen einer Generation die Welt wahrnehmen und Muster des Weltverhaltens ausbilden. Kamphausen stellt heraus, dass sich die Intellektuellen zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Angehörige einer Generation verstehen und im Bekenntnis zu "Okkasionalismus und Opportunismus" als Formen eines "heroischen Desillusionsrealismus" zusammenfinden. Das ist alles klug und einsichtig beschrieben.
Hans Vorländer, Soziologische Revue, Jg.27 (2004).
Das materialreiche Buch belegt, dass der Antiamerikanismus keine Erfindung von heute ist, sondern bis ins 19. Jahrhundert zurückgeht. Insofern ist das Buch geeignet, neues Licht in die politisch brisante Debatte dieser Tage zu bringen.
Paul Hindemith, SWR-Forum Buch, 25.01.2003.
Kamphusen beschränkt sich nicht auf Kulturhistoriographie, sondern zieht Vergleiche zur Gegenwart und gibt Hinweise für die Zukunft. Er beschränkt sich nicht auf deutsche Amerika-Bilder, sondern stellt amerikanische Selbstbidler dagegen und versucht, Klischees und Vorurteile zu korrigieren. (...) So luzide und pointiert er auch einzelne dieser Nnebenschauplätze präsentiert: die Verbindungen zwischen Forderungen sind nicht immer so plausibel, wie er sie erscheinen lassen möchte.
Viktor Otto, H-Soz-u-Kult, 16.10.2002.
Für Amerika, so Kamphausen, habe sich die Generation von 1890 nie um seiner selbst willen interessiert; immer habe es nur als Vorwand gedient, die Verhältnisse in Europa zu kommentieren. […] Und die Intellektuellen, so Kamphausens Fazit, machten sich in jener Zeit auf, […] ungestillte Sinnbedürfnisse mit immer neuen Formeln zu befriedigen. Das Wort wird zur Ware, und die eingängige Parole schickt sich an, die Masse in ihren Bann zu schlagen. Um Inhalte, so Kamphausen, gehe es seitdem allenfalls nebenher: »Das Denken wird strategisch und macht sich dadurch von der Wirklichkeit frei, es wird illusionär.« Genau darauf gründete auch der deutsche Diskurs über »Amerika« seinen Erfolg. Daß es bis heute kaum anders ist - eben das macht Kamphausens wunderbaren Text auch zu einer hochaktuellen Analyse der Gegenwart.
Kersten Knipp, Neue Zürcher Zeitung, 14. August 2002.
Die Mißverständnisse zwischen Amerika und Europa sind fundiert. Ihnen geht der politische Soziologe Georg Kamphausen auf den Grund. Seine weit ausgreifende Studie - Kultursoziologie und Ideengeschichte in einem - ist allen ans Herz zu legen, die über »Amerika« eine Meinung haben. Kamphausens ideenreiches Buch ist ein gutes Mittel gegen die immergleichen Amerika-Diskussionen, die seit hundert Jahren dieselben Kerben traktieren, weil die Disputanten nicht in der Lage sind, die eigene Ansicht als kulturgeschichtliches Symptom zu begreifen.
Franziska Augstein, Süddeutsche Zeitung, 20. März 2002.
Die deutsch-amerikanische Krise hinter den Beschwörungsformeln von der »uneingeschränkten Solidarität« geht nicht in dieser oder jener diplomatischen Verstimmung auf, sondern gründet in einer mentalen Entfremdung, in einer kulturellen Distanz, die in letzter Zeit spürbar gewachsen ist - aller »Amerikanisierung« des europäischen Alltagslebens zum Trotz. […] War es vor hundert Jahren wirklich anders? Georg Kamphausen untersucht die Wahrnehmungen und Projektionen »Amerikas« bei den deutschen und europäischen Intellektuellen in den drei bis vier Jahrzehnten um 1900 […]. Die Antwort des Autors auf die Frage nach kultureller Aneignung und Distanz ist skeptisch, ja ernüchternd: Amerika ist von den deutschen Intellektuellen und Sozialwissenschaftlern nie wirklich entdeckt, sondern immer nur erfunden worden.
Paul Nolte, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. März 2002.