Musik und Sprache

Dimensionen eines schwierigen Verhältnisses

  • herausgegeben von Christian Grüny
  • Erscheinungsdatum: 21.10.2012
  • Hardcover
  • 232 Seiten
  • 22 x 14 cm
  • ISBN 9783942393508
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Beschreibung


Inwiefern ist das Verhältnis von Musik und Sprache als schwierig zu bezeichnen? Ist denn nicht gerade die Beziehung dieser beiden Medien immer als besonders zwang- und problemlos angesehen worden? Ja, Musik und Sprache galten als natürliche Partner, über deren gemeinsamen Ursprung spekuliert werden konnte, wenn sie nicht von vornherein nur als Dimensionen eines einzigen Phänomens betrachtet wurden. Unter den künstlerischen Disziplinen sind die beiden – neben Musik und Tanz – sicher diejenigen, die die längste und stabilste Zusammenarbeit aufweisen können.
Nun muss man genau angeben, worüber man eigentlich spricht: In der kommentarlosen Beiordnung sind weder die beiden Instanzen noch ihr Verhältnis wirklich geklärt. Musik ist eine Kunstform, Sprache ein Zeichensystem – so unzureichend diese Bestimmungen sind, sie taugen doch als erste Annäherung. Zwar kann die Musik als eigenes Zeichensystem befragt werden und die Sprache kann künstlerischer Gestaltung unterworfen werden, aber dennoch ist das Verhältnis nicht einfach analog: So gibt es etwa in der Musik kein Äquivalent zur Alltagssprache. Das einfache Kinderlied ist sicher keine Kunst in irgendeinem anspruchsvollen Sinne, aber es ist eine elementare ästhetische Gestaltung, die sich nicht auf eine bestimmte Form der Zeichenhaftigkeit reduzieren lässt und auch nicht primär kommunikative Funktion hat. Während es bei der zeichentheoretischen Untersuchung der Musik um eine Betrachtungsweise geht, die durchaus nicht unstrittig ist und in jedem Fall mit der ästhetischen Dimension der Sache zu rechnen hat, geht es im Falle der künstlerischen Sprache um eine bestimmte Gestaltungsweise bzw. einen bestimmten Umgang, der seinerseits die zeichenhafte und kommunikative Dimension nicht los wird.
Die zweite, damit zusammenhängende Unklarheit ergibt sich aus den unterschiedlichen Weisen, wie Musik und Sprache zueinander in Beziehung gesetzt werden können. Albrecht Wellmer hat hier die Sprachähnlichkeit von der Sprachbezogenheit der Musik unterschieden, wobei in beiden Fällen Sprache zuerst einmal als Zeichensystem oder Kommunikationsmedium in den Blick kommt. Eine noch einmal andere Form der Bezogenheit als diejenige des Diskurses über die Musik liegt in ihrem Zusammenspiel in konkreten Gestaltungen in Lied, Choral, Oper, um nur einige der geläufigen Formen zu nennen. Hier geht es um den Bezug zweier künstlerischer Medien, der überdies ein gegenseitiger ist, und es ist durchaus nicht ausgemacht, wer in diesem Miteinander die Oberhand behält.
Die Frage nach dem Zusammenhang von Musik und Sprache ist schwierig, weil sich mit ihr nicht nur historisch und aktuell höchst unterschiedliche Verständnisse der beiden Bereiche und ganz verschiedene Dimensionen dieses Zusammenhangs verbinden, sondern immer auch diskurspolitische Fragen. Es wäre allerdings etwas gewonnen, wenn die Auseinandersetzung mit und über Musik weder ausschließlich unter Spezialisten noch in einem diskursiven Ghetto geführt würde, sondern einen selbstverständlichen Platz im Diskurs der unterschiedlichen Disziplinen einnehmen könnte. Ein Ansetzen bei Musik und Sprache scheint hier einen besonders produktiven Ansatzpunkt zu versprechen. Wenn es gelingt, diese Diskussion von einer selbstverständlichen Hegemonie der Sprache freizuhalten, kann die Frage gestellt werden, inwiefern auch eine Reflexion auf die Sprache und das Denken etwas von der Musik zu lernen hätte.
Die Texte dieses Bandes betrachten den Zusammenhang von Musik und Sprache aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, wobei die Frage nach der Sprachähnlichkeit der Musik bzw. der spezifischen Differenz der beiden für die meisten den Ausgangspunkt bildet. Fragen nach der Zeichenhaftigkeit der Musik werden dabei historisch situiert und verknüpft mit solchen des musikalischen Kunstwerks, der Ontogenese und dem zeitgenössischen Umgang mit Sprache in Musik.

Christian Grüny


Christian Grüny

Christian Grüny ist derzeit Dozent an der Fakultät für Kulturreflexion - Studium fundamentale, Arbeitsbereich Philosophie. Davor war er Juniorprofessor für Philosophie an der Universität Witten/Herdecke. Er studierte Philosophie und Linguistik in Bochum, Prag und Berlin. Forschungsschwerpunkte: Philosophische Ästhetik, Musikästhetik, Bildtheorie, Theorien der Leiblichkeit, Sprachentwicklung, Schmerz und Gewalt. Veröffentlichungen u.#a. Zerstörte Erfahrung. Eine Phänomenologie des Schmerzes (2004), Leiblichkeit. Geschichte und Aktualität eines Konzepts (2012, gemeinsam mit E. Alloa, T. Bedorf u. T. Klass), Musik und Phänomenologie, Themenheft des Journal Phänomenologie (2011). Er war 2011 Gastprofessor an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg, 2013 übernahm der die Vertretung des Lehrstuhls für Philosophie an der Kunstakademie Düsseldorf, 2014 war er Vertretungsprofessur für Philosophie an der Universität Witten/Herdecke, 2014-2015 Gastwissenschaftler am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt a.M., 2016 arbeitete er als Vertretung des Lehrstuhls für theoretische Philosophie an der TU Darmstadt.